
Myles Garrett ist seit Jahren einer der prägendsten Pass-Rusher der NFL. 2025 jedoch spielt der Defensive End der Cleveland Browns auf einem Niveau, das selbst in seinem außergewöhnlichen Portfolio heraussticht. Nach Week 14 steht Garrett bei 20 Sacks in 13 Spielen – ein Wert, der ihn erneut in Reichweite des NFL-Single-Season-Rekords von 22,5 Sacks bringt, gehalten von Michael Strahan und T. J. Watt.
Am kommenden Wochenende trifft Cleveland auf die Chicago Bears und Rookie-Quarterback Caleb Williams. Eine weitere Gelegenheit, die Marke anzugreifen – und womöglich entscheidend zu verkürzen.
Hinweis: Dieser Artikel entstand auf Grundlage des ESPN-Artikels „Myles Garrett’s journey to NFL sack record: ‚It is written‘“ von Daniel Oyefusi.
Ein Rekordjahr trotz schwieriger Gesamtsituation
Garretts Leistungen fallen in eine Saison, die für die Browns sportlich erneut enttäuschend verläuft. Die Franchise steht nach 14 Spieltagen deutlich unter .500, sodass Garretts individueller Erfolg in einem Umfeld entsteht, das ansonsten wenig Anlass zur Euphorie gibt.
Trotzdem liefert Garrett statistisch die beste Saison seiner Karriere:
- 20 Sacks (NFL-Bestwert)
- deutlich führend in Pass-Rush-Win-Rate
- Spitzenwert bei Tackles for Loss
- konstante Produktion trotz hoher Double-Team-Quote (über 30 %)
Besonders bemerkenswert: Garrett erzielt diese Zahlen, obwohl die Gegenseite ihn so intensiv fokussiert wie wenige andere Spieler der Liga.
Die Rolle mentaler Vorbereitung – motivierende Details statt Heldengeschichte
Garrett ist bekannt dafür, vor Spielen kleine Hinweise oder Motivationsbotschaften auf seinem Wrist Tape oder seinen Schuhen zu notieren. In diesem Jahr trägt er gelegentlich das Wort „Maktub“ – arabisch für „Es ist geschrieben“.
In Interviews beschreibt er diese Praxis jedoch nicht im Sinne eines Schicksalsglaubens, sondern als persönliche Erinnerung an Zielsetzungen und Fokuspunkte. Es handelt sich um eine Form der Selbstorganisation, nicht um mystische Selbsterzählung.
Auch die Zahl 25, die sich gelegentlich auf seinem Tape findet, ist nüchtern zu verstehen: Sie entspricht der Marke, die Garrett als persönliches Saisonziel definiert hat – nicht als Prophezeiung, sondern als Messgröße.
Browns star DE Myles Garrett writes “25” on his right wrist tape to represent his sack goal as he looks to shatter the NFL single-season record of 22.5 🔥
— Football Forever (@fballforeverhq) December 6, 2025
Garrett currently has 19 sacks with five games remaining. #DawgPound pic.twitter.com/XbE5GOqMoW
Ein außergewöhnlicher Stretch – aber analytisch erklärbar
Garretts Saison enthält mehrere Phasen, die statistisch herausragen, etwa:
- ein 5-Sack-Spiel (Patriots)
- ein 4-Sack-Spiel (Ravens)
- 15 Sacks in einem Sechs-Spiele-Zeitraum
Diese Leistungsspitzen entstehen nicht zufällig. Browns-DC Jim Schwartz beschreibt, dass Garrett die Trainingsbelastung teilweise erhöht hat – ungewöhnlich für einen Edge-Rusher seiner Spielzeit –, um Rhythmus und Technikschärfe zu halten.
Gleichzeitig hat Cleveland die Defensive Line strukturell verändert, um mehr One-on-One-Situationen zu schaffen. Der 2025 gedraftete DT Mason Graham beispielsweise schafft mit hoher Interior-Pressure-Win-Rate zusätzliche Räume.
Garretts Vertragssituation und Beziehung zur Franchise
Wenige Monate vor Saisonbeginn stand Garretts Zukunft in Cleveland tatsächlich zur Diskussion. Nach der enttäuschenden Saison 2024 hatte der Pass-Rusher öffentlich Zweifel am sportlichen Kurs der Browns geäußert und sogar einen Trade angedeutet.
Erst ein 4-Jahres-Vertrag über 160 Mio. Dollar – zu diesem Zeitpunkt Rekord für einen Nicht-Quarterback – stabilisierte das Verhältnis langfristig.
Die Browns erwarten seither nicht nur sportliche Eliteproduktion, sondern auch Führungsrolle.
Garrett erfüllt beides: Er gilt intern als einer der konstantesten und strukturiertesten Profis im Kader.
Wie wertvoll ist Garrett wirklich? Die MVP-Frage als analytisches Thema
Defensive Coordinator Schwartz hatte im Sommer die provokante Aussage getroffen, Garrett könne ein MVP-Kandidat werden – eine Rolle, die traditionell Quarterbacks vorbehalten ist.
Tatsächlich zeigen moderne Analysen (EPA, Win Probability Added, Pass-Rush Impact Scores), dass Garrett 2025 zu den einflussreichsten Nicht-QBs der Liga gehört.
Realistisch bleibt er jedoch Kandidat für den Defensive Player of the Year – und zwar der klare Favorit.
Ein DPOY auf einem Team mit negativer Bilanz wäre historisch selten (zuletzt 2006 Jason Taylor). Doch Garretts Saison sticht derart heraus, dass eine Auszeichnung trotz Teamleistung wahrscheinlich ist.
Reaktionen aus der Liga – Respekt, keine Romantisierung
Im gesamten NFL-Umfeld begegnen Spieler und Coaches Garrett mit außergewöhnlichem Respekt – nüchtern formuliert:
- Michael Strahan: lobt Garretts Konstanz und Technik
- Micah Parsons: nennt ihn „maßgeblichen Benchmark“
- Lawrence Taylor: hebt hervor, dass nur wenige Spieler Gameplans verändern
- Gegenspieler betonen körperliche Dominanz kombiniert mit Disziplin
Diese Stimmen dienen weniger der Dramatisierung, sondern bestätigen: Garrett wird von seinen Peers als einer der besten seiner Generation gesehen.
@nflonfox Michael Strahan gives high praise to Myles Garrett 🙌 #NFL #Browns #MylesGarrett ♬ original sound – NFLonFOX
Week 14: Ein weiterer Schritt Richtung Rekord
Der jüngste Sack – gegen Cam Ward – brachte Garrett auf 20 Sacks, womit er:
- weiterhin ligaweit führt,
- weiterhin auf Pace für 23–25 Sacks liegt,
- und die Chance hat, die Rekordmarke bereits in Week 16 oder 17 zu erreichen.
Für Week 15 wartet ein besonderer Gegner:
die Chicago Bears mit Rookie-Quarterback Caleb Williams.
Williams gehört zu den am häufigsten gesackten QBs der Saison.
Rein analytisch gilt Garrett in dieser Woche erneut als Top-Kandidat für mindestens einen weiteren Sack.
Was der Rekord für Garrett bedeuten würde – nüchtern betrachtet
Garrett spricht bewusst zurückhaltend über persönliche Meilensteine.
Er wiederholt, dass Team-Erfolg für ihn oberste Priorität hat – eine Aussage, die durch mehrere frustrierte Reaktionen nach Niederlagen glaubwürdig erscheint.
Der Rekord wäre dennoch bedeutend, weil er:
- seine bereits außergewöhnliche Karriere statistisch unterstreichen würde,
- die Grundlage für eine mögliche spätere Hall-of-Fame-Debatte weiter stärkt,
- seine Position als dominanter Edge-Rusher dieser Generation festigt.
Garrett selbst beschreibt es pragmatisch:
„Ich lasse die Zahlen am Ende für sich sprechen.“
Garretts Weg zur 20-Sacks-Marke: Eine Saison im Überblick
Garretts 2025er Saison ist kein linearer Sprint, sondern eine Abfolge klarer Peaks, kurzer Dellen und immer wieder historischer Momente. Bis einschließlich Week 14 steht er bei 20 Sacks – verteilt über eine Entwicklung, die seine Ausnahmerolle im Ligageschehen unterstreicht.
Week 1 vs. Bengals (L 17:16)
Der Auftakt in die Rekordjagd: zwei Sacks gegen Joe Burrow, sein 23. Mehrfach-Sack-Spiel der Karriere. Früh war klar, dass Garrett 2025 auf hohem Niveau performen würde.
Week 2 at Ravens (L 41:17)
Mit 1,5 Sacks gegen Lamar Jackson war Garrett einer der wenigen positiven Faktoren in einer klaren Niederlage.
Week 3 vs. Packers (W 13:10)
Ein halber Sack und erneut mehrere Pressures. Garrett blieb ein zentraler Faktor im Passrush, auch ohne große Zahlen.
Weeks 4–6 (Lions, Vikings, Steelers)
Eine seltene Flaute: drei Spiele ohne Sack, darunter seine niedrigste Pressure Rate der Saison in Week 5. Garrett forderte öffentlich taktische Anpassungen, um gegen Double-Teams effektiver zu agieren.
Week 7 vs. Dolphins (W 31:6)
Rückmeldung nach Durststrecke: Ein Sack und ein dominanter Auftritt der Defense insgesamt.
Week 8 at Patriots (L 32:13)
Garretts statistisch eindrucksvollster Auftritt: fünf Sacks, persönlicher und teaminterner Rekord. Die deutliche Niederlage nahm dem Abend jedoch die historische Strahlkraft – ein Punkt, den Garrett selbst betonte.
Week 9 – Bye Week
Zur Pause stand Garrett bei 10 Sacks, geteilter Ligabestwert.
Week 10 at Jets (L 27:20)
Ein weiterer Sack brachte ihn auf 11 nach zehn Wochen – der beste Browns-Wert seit 2021.
Week 11 vs. Ravens (L 23:16)
Mit vier Sacks erreichte Garrett mehrere Meilensteine:
– Er ist der erste Spieler der NFL-Geschichte, der in sechs aufeinanderfolgenden Saisons mindestens 12 Sacks erzielt.
– Es war sein zweites Vier-Sack-Spiel der Saison.
– Insgesamt zehn Sacks in drei Spielen – ein Wert auf historischem Niveau.
Week 12 at Raiders (W 24:10)
Drei Sacks als Teil einer 10-Sack-Teamleistung. Garrett stellte seinen persönlichen Saisonrekord ein und übertraf erneut seine eigene Franchise-Bestmarke.
Week 13 vs. 49ers (L 26:8)
Ein Sack gegen Brock Purdy erhöhte seine Bilanz auf 19 und baute seine Serie auf sechs Spiele in Folge mit mindestens einem Sack aus.
Week 14 vs. Titans (L 31:29)
Mit einem Sack gegen Rookie Cam Ward wurde Garrett zum 13. Spieler der NFL-Geschichte, der die 20-Sack-Marke in einer Saison erreicht.
Fazit & Ausblick: Eine historische Saison – und nur noch die Frage nach dem Wann
Myles Garrett spielt 2025 eine Saison, die statistisch wie spielerisch zu den stärksten eines Edge-Rushers in der modernen NFL zählt. Ohne Pathos, ohne künstliche Überhöhung – die Daten und Leistungen sprechen für sich. Mit 20 Sacks nach 13 Spielen ist er so nah am Rekord wie kaum ein Spieler vor ihm.
Ob Garrett die historische Marke fällt, hängt nun von drei wesentlichen Faktoren ab:
- Die verbleibenden Gegner: In Week 15 wartet mit Caleb Williams ein Rookie, der bereits zahlreiche Sacks einstecken musste. Es folgen die Bills (W16), deren Line schwankt, die Steelers (W17) als physischer Rivalenklassiker und zum Abschluss die Bengals (W18) – samt Joe Burrow, den Garrett häufig unter Druck setzte.
- Gesundheit: Garrett spielte zuletzt mehrfach angeschlagen, was seine Einsatzzeit und Explosivität beeinflussen kann.
- Spielverläufe: Frühe Rückstände begrenzen Pass-Rush-Gelegenheiten – ein Faktor, der in mehreren Browns-Niederlagen sichtbar wurde.
Trotz dieser Variablen steht schon heute fest:
2025 ist eine der prägenden Spielzeiten in Garretts Karriere – und möglicherweise eine der definierenden Pass-Rush-Saisons dieser NFL-Ära.