
Montagmorgen in der NFL ist längst mehr als ein Blick auf den Boxscore. Für viele Fans, Medien und sogar Teams sind es die PFF-Grades, die den Ton angeben. Zahlen zwischen 0 und 100 entscheiden darüber, ob eine Leistung als elitär, durchschnittlich oder problematisch wahrgenommen wird. Doch während diese Bewertungen allgegenwärtig sind, bleibt ihre Entstehung für viele ein Rätsel.
Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „How PFF grades an NFL game: A look behind the curtain at the step-by-step process“ von Matt Barrows (The Athletic) und erklärt, wie Pro Football Focus arbeitet – ohne Mythen, ohne Überhöhung, aber mit dem nötigen Kontext.
👉 Hinweis: Die zunehmende Rolle von Daten und Bewertungssystemen wie PFF ist Teil einer größeren Entwicklung. Mehr dazu liest du in unserem Artikel „Wie Künstliche Intelligenz 2025 die NFL neu definiert“.
Vom Abpfiff bis zur Bewertung – ein eng getakteter Prozess
Nur rund 17 bis 18 Stunden nach dem Schlusspfiff liegen die vollständigen Bewertungen eines NFL-Spiels vor. In dieser Zeit hat PFF jede einzelne Aktion eines Spiels analysiert – nicht nur die der Stars, sondern jede relevante Bewegung aller Spieler, die auch nur einen Snap gesehen haben.
Im Spiel der 49ers gegen die Titans etwa stand Offensive Tackle Trent Williams mit einer außergewöhnlichen 95,6 an der Spitze aller Bewertungen, während Safety Kevin Winston Jr. mit 28,1 das andere Ende der Skala markierte. Tight End George Kittle überzeugte mit einer 90,1, Pass Rusher Jeffery Simmons erhielt im Pass Rush eine 78,9. Solche Zahlen entstehen nicht aus einer Gesamteinschätzung, sondern aus einem streng strukturierten Einzelbewertungssystem.
Warum bei PFF nicht das Ergebnis zählt
Der entscheidende Unterschied zu klassischen Statistiken liegt im Ansatz. PFF bewertet nicht, was passiert ist, sondern wie es passiert ist. Jeder Spieler wird Play für Play anhand seiner jeweiligen Aufgabe beurteilt. Hat er sie überdurchschnittlich erfüllt, erhält er eine positive Bewertung. Hat er versagt, eine negative. Erfüllt er sie erwartungsgemäß, bleibt die Note neutral.
Ein Quarterback, der einen perfekten Pass wirft, bekommt dafür eine positive Bewertung – selbst dann, wenn der Receiver den Ball fallen lässt. Umgekehrt kann ein Running Back zwar 60 Yards Raumgewinn verbuchen, aber nur eine moderate Note erhalten, wenn der Spielzug komplett von seiner Offensive Line dominiert wurde. Die Bewertung misst also Einfluss und Ausführung, nicht das bloße Resultat.
Wer diese Bewertungen erstellt
Die erste Analyse erfolgt auf Basis des TV-Broadcasts. Erfahrene Evaluatoren sind in der Lage, ein komplettes Spiel allein zu bewerten, während weniger routinierte Analysten sich die Arbeit teilen – etwa Offense und Defense. Ziel ist es, möglichst zeitnah nach Spielende eine vollständige Datengrundlage zu schaffen.
Doch diese erste Bewertung ist nicht das Endprodukt. Sobald am Abend die All-22-Aufnahmen verfügbar sind, beginnt die eigentliche Detailarbeit. Diese Perspektive erlaubt Einblicke in Routenverläufe, Coverage-Zuordnungen und Blocking-Schemes, die im TV-Bild verborgen bleiben. Für PFF-Analysten ist dieser Moment entscheidend – viele sprechen intern davon, dass „die eigentliche Arbeit“ dann beginnt.
Warum nicht jedes Play eindeutig ist
Besonders komplex ist die Bewertung von Pass Coverage und Run-Plays. In der Coverage ist oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, welcher Defender für welchen Receiver zuständig war. Laufspielzüge wiederum sind ein Geflecht aus Abhängigkeiten: Ein einzelner verlorener Block kann eine ganze Spielidee zunichtemachen – oder umgekehrt kaschieren.
Um diese Grauzonen aufzulösen, greift PFF auf ein Netzwerk aus ehemaligen Coaches, Scouts und NFL-Assistenten zurück. Sie helfen dabei, Spielzüge korrekt zu interpretieren und Assignments einzuordnen. Kein Play wird blind bewertet, jedes wird diskutiert, überprüft und – wenn nötig – korrigiert.
Warum Spieler und Experten PFF kritisch sehen
Trotz dieser Sorgfalt bleiben die Bewertungen umstritten. Spieler wie Luke Farrell geben offen zu, PFF-Grades zu ignorieren. Andere, wie Chris Long oder J.J. Watt, kritisierten öffentlich die Darstellung einzelner Spielerleistungen – insbesondere, wenn komplexe Rollen auf eine einzige Zahl reduziert werden.
Auch Quarterbacks wie Mac Jones äußern sich differenziert. Einzelne Spiele, sagt er, könnten täuschen. Über große Datenmengen hinweg würden die Bewertungen jedoch an Aussagekraft gewinnen. Genau hier liegt der Kern der Debatte: PFF ist kein Urteil, sondern ein Werkzeug.
Warum PFF gerade dort hilft, wo der Boxscore endet
Für viele Positionen ist eine grobe Leistungsbewertung auch für Laien relativ einfach. Ein Quarterback wird an Touchdowns, Interceptions und Yards gemessen, ein Wide Receiver an Receptions, Raumgewinn und Big Plays. Selbst ohne tiefere taktische Kenntnisse lässt sich schnell erkennen, ob ein Spiel gut oder schlecht war.
Ganz anders sieht es bei Positionen aus, deren Arbeit kaum in klassischen Statistiken auftaucht. Offensive Linemen, Interior Defender oder Linebacker agieren größtenteils im Verborgenen. Ihre Leistung entscheidet sich in Sekundenbruchteilen, in Handplatzierung, Fußarbeit, Winkeln und Timing – Dinge, die weder im Boxscore noch im Highlight-Clip sichtbar werden.
Genau hier setzt ein Bewertungssystem wie das von Pro Football Focus an. Durch die play-by-play-basierte Analyse wird sichtbar, wer seinen Block hält, wer einen Druck verhindert, wer einen Run überhaupt erst möglich macht – unabhängig davon, ob der Spielzug am Ende erfolgreich war oder nicht. Ein Left Tackle kann eine überragende Partie spielen, ohne dass der Quarterback einen Touchdown wirft. Umgekehrt kann eine schwache Line-Leistung durch schnelle Pässe statistisch kaschiert werden.
PFF versucht, diese unsichtbare Arbeit greifbar zu machen. Nicht als endgültiges Urteil, sondern als Differenzierungswerkzeug für Positionen, bei denen klassische Metriken schlicht nicht ausreichen. Gerade deshalb sind die Grades bei Linemen, Tight Ends oder Defensivspielern oft wertvoller als bei Skill-Positionen, deren Einfluss ohnehin offensichtlicher ist.
Fazit: Zahlen brauchen Kontext
PFF-Grades sind weder unfehlbar noch bedeutungslos. Sie ersetzen keine Filmstudie und kein Coaching-Feedback, bieten aber eine strukturierte Möglichkeit, Leistung vergleichbar zu machen – vor allem über lange Zeiträume hinweg.
Wer sie als Einordnung nutzt, gewinnt wertvolle Perspektiven.
Wer sie als absolute Wahrheit liest, verliert den Blick fürs Spiel.