
Kaum ist die Regular Season vorbei, beginnt in der NFL der wohl gnadenloseste Teil des Jahres: das NFL Head Coach Karussell. Teams, die den Einzug in die Playoffs verpasst haben, ziehen Bilanz – und diese fällt selten geduldig aus. Black Sunday und Black Monday haben erneut gezeigt, wie kurz die Halbwertszeit auf dem Head-Coach-Posten sein kann. Doch 2025 endete der Umbruch nicht nach zwei Tagen. Die Entlassungen zogen sich durch die gesamte Woche und trafen teils Namen, mit denen kaum jemand gerechnet hatte.
Besonders überraschend war das Aus eines der prägendsten Coaches der letzten zwei Jahrzehnte – und damit wurde eine der attraktivsten offenen Stellen der Liga frei. Parallel dazu trennten sich mehrere Franchises von Hoffnungsträgern, die eigentlich Stabilität bringen sollten. Das Ergebnis: ein außergewöhnlich volles Karussell mit offenen Jobs, Richtungswechseln – und vielen Fragezeichen.
Ein Paukenschlag zum Auftakt: John Harbaugh ist frei
Die wohl größte Nachricht der Woche kam aus Baltimore. Die Ravens trennten sich von John Harbaugh – nach 18 Jahren, einem Super-Bowl-Titel und einer Ära, die lange als unantastbar galt.
Der Grund: sportliche Mittelmäßigkeit trotz hoher Erwartungen. Die Ravens pendelten defensiv zwischen Chaos und Stabilität, und auch Harbaughs In-Game-Entscheidungen gerieten zunehmend in die Kritik. Dass man mit einem zweifachen MVP-Quarterback nie wieder den Super Bowl erreichte, wog am Ende schwerer als Loyalität. Für viele gilt Baltimore nun als Top-Job des Jahres – sofort konkurrenzfähig, klar strukturiert, mit starkem Kader.
Und Harbaugh selbst? Der wird sich vor Angeboten kaum retten können.
Miami zieht überraschend die Reißleine
Ebenfalls bemerkenswert: die Miami Dolphins entließen Mike McDaniel. Nach vier Spielzeiten und einer ausgeglichenen Bilanz (35–35) war Schluss.
Der Saisonstart verlief desaströs, Miami wirkte planlos und zerbrechlich. Zwar folgte zwischenzeitlich ein kleiner Lauf, doch der Schaden war angerichtet – auch weil Tua Tagovailoa erneut keine langfristige Antwort lieferte. McDaniel galt als innovativer Offensivkopf, doch Kreativität ohne Konstanz reicht in dieser Liga nicht.

Interessant: Lange sah es so aus, als wolle Miami mit McDaniel weitermachen. Parallel machten jedoch Gerüchte die Runde, dass mindestens ein Team mit noch festem Head Coach bereits Kontakt zu Harbaugh aufgenommen hatte. Kurz darauf folgte die McDaniel-Entlassung – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Eine Verpflichtung Harbaughs in Miami würde sportlich wie kulturell durchaus passen. McDaniel wiederum gilt bereits als heißer Kandidat auf den Offensive-Coordinator-Posten bei den Detroit Lions.
Weitere Entlassungen: Von Arizona bis Cleveland
Jonathan Gannon – Arizona Cardinals
Jonathan Gannon wurde nach drei Jahren entlassen. Die Defensive, sein eigentliches Spezialgebiet, machte keinen messbaren Fortschritt – trotz massiver Draft-Investitionen. Arizona wirkte strukturell nicht weiter als zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung.
Pete Carroll – Las Vegas Raiders
Der 74-jährige Pete Carroll sollte Stabilität bringen – stattdessen folgte Chaos. Ein missglückter Geno-Smith-Trade, Koordinator-Entlassungen mitten in der Saison und interne Spannungen führten nach nur einem Jahr zum Aus.
Kevin Stefanski – Cleveland Browns
Sechs Jahre, ein Playoff-Sieg. Zu wenig. Kevin Stefanski scheiterte letztlich an der Quarterback-Frage. 13 Starter, kein Franchise-QB – und die Schatten des Deshaun-Watson-Trades waren allgegenwärtig.
Stefanski dürfte dennoch weich fallen – vieles deutet darauf hin, dass sein nächster Head-Coach-Posten nicht lange auf sich warten lässt.
Raheem Morris – Atlanta Falcons
Raheem Morris war kein Totalausfall, aber auch kein echter Aufbruch. Trotz starkem Saisonende wirkte Atlantas All-in-Strategie kopflos. Mit dem gleichzeitigen Aus von GM Terry Fontenot steht ein kompletter Neustart bevor – inklusive möglicher Rückkehr von Matt Ryan in die Führungsriege.

Wir von Couch Quarterback bleiben nach unserer persönlich sehr positiven Begegnung mit Morris in Berlin dennoch Fans des Coaches.
Schon während der Saison: Weitere Opfer
- Brian Daboll (Giants): Vom Coach of the Year zum Mahnmal für Fehlentwicklung.
- Brian Callahan (Titans): Mehr Schlagzeilen als Siege, kaum Entwicklung bei Rookie-QB Cam Ward.
Coordinatoren und GMs
Neben den Head Coaches traf es auch mehrere Coordinatoren und General Manager. Darauf gehen wir hier nicht im Detail ein – wer tiefer einsteigen möchte, dem empfehlen wir den Live-Ticker der NFL.
Wer bleibt – und warum?
Nicht jeder Wackelkandidat fiel. Todd Bowles (Buccaneers) überstand die Saison trotz spürbarem Leistungsabfall. Entscheidend war offenbar interne Stabilität – und das Fehlen eines überzeugenden Alternativplans. Auch in Indianapolis und Cincinnati setzt man vorerst auf Kontinuität.
Ein Blick auf unsere Predictions
Bereits vor der Saison haben wir in unserem Artikel „NFL Head Coaches 2025 – Von Hot Seat bis Safe Space“ vorausgeschaut und Coaches von „Bereits am Brennen“ bis „Maximale Sicherheit“ eingeordnet.
Ein kurzer Abgleich:
- „Bereits am Brennen“: Mike McDaniel und Brian Daboll – hier lagen wir richtig, auch wenn McDaniels Entlassung überrascht.
- „Es wird hitzig“: Getroffen hat es nur Kevin Stefanski. Shane Steichen und Zac Taylor blieben.
- „Druck ist da“: Drei Treffer – Morris, Gannon und Callahan.
- „Neutrale Zone“: Alle Coaches mit Jobsecurity.
- „Erstes Jahr als Head Coach“: Pete Carroll.
- „Safe“: Und dann natürlich die größte Überraschung – John Harbaugh.
Der Hinweis sei erlaubt: Wir freuen uns bei niemandem über eine Entlassung. Auch wenn es um gut bezahlte Millionäre geht, sind das menschlich nie einfache Situationen.
Fazit: Ein Karussell mit Signalwirkung
Das Coaching-Karussell 2026 ist kein gewöhnliches. Noch nie waren so viele erfahrene, teils hochdekorierte Head Coaches gleichzeitig verfügbar. Für Assistenztrainer wird der Sprung nach oben schwieriger denn je – für Franchises eröffnet sich dagegen die seltene Gelegenheit, Erfahrung statt Hoffnung zu verpflichten.
Ob frischer Wind oder bewährte Hand: Diese Entscheidungen werden die Liga für Jahre prägen.
Denn eines hat diese Woche erneut gezeigt:
In der NFL gibt es keine Vergangenheit – nur Erwartungen an morgen.