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Die New England Patriots setzen im Super Bowl erneut bewusst auf weiße Trikots – wiederholt sich das Bild des jubelnden Drake Maye in weißer Uniform wie zuletzt im AFC Championship Game? | Quelle: IMAGO / Imagn Images

Der Super Bowl ist ein Spiel der Extreme. Maximale Aufmerksamkeit, minimale Fehlertoleranz. Jede Entscheidung – ob Personal, Playcalling oder Vorbereitung – wird seziert, bewertet und im Nachhinein mythologisiert. Manche dieser Mythen halten sich über Jahrzehnte. Andere zerbrechen irgendwann an der Realität.

Einer der langlebigsten: Teams in weißen Trikots gewinnen den Super Bowl häufiger.

Diese These galt über Jahre als statistisch gut belegbar. Doch spätestens mit den Super Bowls 58 und 59 bekam sie Risse. Beide Male setzte sich das Team in farbigen Trikots durch. Der Automatismus war gebrochen.

Und dennoch: Im Super Bowl LX entscheiden sich die New England Patriots als offizielles Heimteam ganz bewusst für ihr weißes Auswärtstrikot.

Kein Zufall. Keine Spielerei. Kein Aberglaube.
Sondern ein Statement.



Der Ursprung eines Super-Bowl-Mythos

Seit dem ersten Super Bowl im Jahr 1967 steht fest: Ein Team trägt Weiß, das andere eine bunte Farbe. Was lange wie eine Nebensächlichkeit wirkte, entwickelte sich mit der Zeit zu einem auffälligen Muster.

In den bisherigen 59 Super Bowls gingen 37 Siege an Teams in weißen Trikots. Besonders ab Mitte der 2000er-Jahre verschob sich das Verhältnis deutlich zugunsten von Weiß. Serien entstanden, wurden unterbrochen, begannen neu. Zwischenzeitlich gewann Weiß 16 von 20 Endspielen.

Natürlich lässt sich daraus keine Kausalität ableiten. Trikots gewinnen keine Spiele. Quarterbacks, Defenses und Matchups tun das. Trotzdem stellte sich zwangsläufig die Frage: Warum taucht dieses Muster immer wieder auf?

Die Antwort liegt weniger im Stoff – und mehr im Kontext.


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Heimrecht, Trikotwahl und Kontrolle

Auch wenn der Super Bowl offiziell auf neutralem Boden ausgetragen wird, existiert ein formales Heim- und Auswärtsteam. In geraden Super Bowls ist der AFC-Champion Heimteam, in ungeraden der NFC-Champion. Das Heimteam darf die Trikotfarbe wählen, das andere muss kontrastieren.

Historisch entscheiden sich die meisten Heimteams für ihre dunkle Primärfarbe. Weiß wird dem Gegner „überlassen“. Doch genau hier liegt der erste Bruch mit der Norm: Wer als Heimteam bewusst Weiß wählt, tut das aktiv – gegen den Standard.

In der bisherigen Super-Bowl-Geschichte geschah das nur wenige Male. Und auffällig oft gingen diese Teams als Sieger vom Feld.

Das legt keinen Zauber nahe, sondern eine andere Denkweise: Weiß ist keine Default-Option. Weiß ist eine Entscheidung.



Warum Weiß psychologisch anders wirkt

Weiße Trikots sind kein ästhetischer Vorteil. Aber sie haben Eigenschaften, die im Kontext eines Endspiels nicht irrelevant sind:

  • geringere Hitzeaufnahme (vor allem bei Tageslicht)
  • klarere visuelle Trennung bei Reads
  • stärkere Kontraste für Quarterbacks
  • weniger visuelle Unruhe

Vor allem aber steht Weiß im Football für etwas anderes: Routine.

Auswärtstrikots bedeuten Vorbereitung unter widrigen Umständen. Sie symbolisieren Anpassung, Kontrolle, Pragmatismus. Wer Weiß trägt, signalisiert: Wir sind nicht hier, um zu beeindrucken. Wir sind hier, um zu arbeiten.

Gerade in einem Spiel, das emotional kaum zu überbieten ist, kann genau das ein Vorteil sein.



Die Patriots und Weiß: Mehr als eine Statistik

Kein Franchise ist stärker mit der Farbe Weiß im Super Bowl verbunden als die New England Patriots. Und das liegt nicht an Zufall, sondern an bewusster Erfahrung.

Unter Tom Brady verloren die Patriots zwei Super Bowls gegen die New York Giants – beide Male in blauen Trikots. Danach änderte sich etwas. In den folgenden Endspielen bevorzugte Brady ausdrücklich Weiß.

Die Super-Bowl-Bilanz in der Brady Ära spricht für sich:

  • Weiße Trikots: 4 Siege, 1 Niederlage
  • Blaue Trikots: 2 Siege, 2 Niederlagen

Doch noch wichtiger als die Zahlen ist die Haltung dahinter. Für Brady – und für Bill Belichick – war Weiß kein Glücksbringer. Es war ein Arbeitsmodus. Eine Farbe ohne Ablenkung. Ohne Emotionalität. Ohne Heimkomfort.

Später brachte Brady diese Haltung selbst auf den Punkt: Wenn es um ein Spiel ging, das man unbedingt gewinnen muss, wollte er Bill Belichick an seiner Seite. Und er wollte Bedingungen, die maximal kontrollierbar waren.

Weiß gehörte dazu.



Serien brechen – Bunt das neue Weiß?

Mit den Super Bowls 58 und 59 wurde die Serie der weißen Trikots vorerst beendet. Die Chiefs und ihr jeweiliger Gegner bewiesen: Farbe entscheidet nichts. Gute Teams gewinnen unabhängig davon.

Das ist wichtig – und es macht den Mythos erwachsener.

Denn Mythen, die nur funktionieren, solange sie nie hinterfragt werden, taugen wenig. Was bleibt, ist kein Automatismus, sondern eine Bewusstseinsentscheidung.

Teams wählen Weiß heute nicht mehr, weil es „immer funktioniert“.
Sie wählen es, weil es für etwas steht.



Super Bowl LX: Warum die Patriots erneut Weiß wählen

Dass sich die Patriots im Super Bowl LX als Heimteam für Weiß entschieden haben, ist deshalb kein Rückgriff auf alte Magie. Es ist ein Rückgriff auf Identität.

Diese Organisation hat ihre erfolgreichsten Momente nie als Show begriffen, sondern als Prozess. Vorbereitung. Details. Disziplin. Kontrolle.

Weiß ist dabei nicht der Grund für Erfolg – sondern dessen Spiegel.

Es signalisiert: Wir verlassen uns nicht auf Heimvorteil, nicht auf Atmosphäre, nicht auf äußere Umstände. Wir nehmen uns selbst den Komfort, um den Fokus zu schärfen.

In einem Spiel, das von Nerven entschieden wird, ist das keine Nebensache.

One. More. Game. pic.twitter.com/5pSETuevVX

— New England Patriots (@Patriots) January 31, 2026


Fazit: Weiß gewinnt keine Spiele – aber es verrät eine Menge

Die Zeit, in der man ernsthaft behaupten konnte, weiße Trikots würden Super Bowls entscheiden, ist vorbei. Und das ist gut so. Der Sport lebt von Entwicklung, nicht von Zufallsmystik.

Doch zu glauben, die Trikotwahl sei damit bedeutungslos geworden, greift zu kurz.

Weiß ist heute kein Versprechen mehr – sondern eine Botschaft.
Eine Botschaft über Haltung, Vorbereitung und Selbstverständnis.

Für die New England Patriots ist sie klar formuliert:
Wir brauchen keinen Heimvorteil.
Wir brauchen keine Show.
Wir brauchen Kontrolle.

Vielleicht entscheidet Weiß keinen Super Bowl mehr.
Aber es zeigt ziemlich genau, wer glaubt, ihn kontrollieren zu können.