![Die Jaguars Special Teams feiern Kicker Cam Little nach dem Game-Winner in London | Quelle: [Bildnachweis]](https://couchqb.de/wp-content/uploads/2026/10/imago1084410416h-1024x683.jpg)
Am Sonntag steht mit dem nächsten NFL London Game 2026 im traditionsreichen Wembley Stadium schon die nächste Partie in der britischen Hauptstadt an, und wieder mit dabei sind die Jacksonville Jaguars. Grund genug, noch einmal auf die spektakuläre Schlussszene ihres letzten Auftritts gegen die Philadelphia Eagles zu blicken. Denn im Tottenham Hotspur Stadium sorgten die Jaguars Special Teams mit einem echten Meisterstück für einen der denkwürdigsten Siege der bisherigen Saison und für den vielleicht krassesten NFL-Moment, den es je auf englischem Boden gab.
Wer an den NFL-Sonntag denkt, hat meist Quarterbacks, Touchdowns und Big Plays im Kopf. Doch manchmal entscheiden Spieler ein Spiel, die kaum jemand auf dem Zettel hat. Wie aus einem Notfall-Snapper, einem hohen Snap und einer einzigen Sekunde auf der Uhr ein Walk-off wurde, erfährst du hier.
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Chaos im Field-Goal-Team: Der Notfall-Snapper
Schon früh im Spiel gerieten die Jaguars in eine heikle Lage. Long Snapper Ross Matiscik, ein Pro Bowler, verletzte sich an der Schulter und fiel aus. Als Ersatz sprang DaVon Hamilton ein, eigentlich ein wuchtiger Defensive Tackle, dessen Job es normalerweise ist, gegnerische Runs zu stoppen. Viele Snaps im Training hatte er für diese Aufgabe nicht gesammelt, und trotzdem musste er im dritten Viertel beim ersten Field Goal der Jaguars aus 34 Yards ran.
Sein Snap kam hoch und leicht nach links versetzt. Für die meisten Holder wäre der Ball unerreichbar gewesen. Nicht so für Logan Cooke: Der Punter, der bei den Jaguars auch als Holder für Kicker Cam Little fungiert, sprang aus der Hocke auf, schnappte sich den Ball aus der Luft und drehte beim Herunterziehen die Laces vom Fuß des anlaufenden Kickers weg. Im letzten Moment zog er auch noch seinen eigenen Fuß aus der Schwungbahn. Das alles geschah in weniger als zwei Sekunden, und das Field Goal war gut.
Warum der Ausfall von Matiscik so schwer wog
Ein Long Snapper fällt im Normalfall nicht auf, und genau das ist sein Qualitätsmerkmal. Special-Teams-Coordinator Heath Farwell erklärte, Matiscik gehöre zu den Snappern, auf die sich ein Gegner gezielt einstelle: Viele Teams blockten den Snapper nicht, sie blockten ihn. Dazu kam der Gegner. Die Eagles haben seit Beginn der Saison 2025 so viele Field Goals und Punts geblockt wie fast niemand sonst in der Liga (insgesamt drei, Platz zwei) und haben mit Jalen Carter zudem einen dominanten Defensive Tackle in ihren Reihen.
Nach der Verletzung mussten Farwell und sein Assistent Luke Thompson das Blocking-Scheme für Field Goals und Punts umbauen. Hamilton wurde nicht mehr in die Protection eingebunden, er sollte sich allein auf den Snap konzentrieren. Die übrigen Spieler wiederum mussten etwas länger blocken als gewohnt.
Besonders knifflig: Matiscik und Cooke sind seit sieben Jahren ein eingespieltes Duo, ihr Timing lässt sich praktisch auf die Millisekunde messen. Matiscik snappt den Ball sogar mit einem Drall, sodass die Laces schon richtig stehen, wenn er bei Cooke ankommt. Auch Little ist auf diesen Rhythmus eingestellt. All das fiel plötzlich weg.
Hamilton selbst gilt als ruhiger, abgeklärter Typ, was in dieser Situation Gold wert war. Er hatte nicht einmal Zeit, das Tape von Händen und Handgelenken zu entfernen, das er sonst als Defensive Tackle trägt. Für einen Snapper ist es eher hinderlich, es verändert die Haptik, schränkt die Beweglichkeit ein und beeinflusst den Spin des Balls. Little lobte, Hamilton habe das „phänomenal” gemacht. Er habe zuvor erst einmal in seinem Leben gesnappt, und nun sei er vor rund 61.000 Zuschauern eingesprungen. Das Wichtigste sei, den Ball so zu liefern, dass der Holder ihn fangen kann.
Logan Cooke: Der Punter mit der Pitcher-Vergangenheit
Dass Cooke diese Situation so souverän löste, hat Gründe. Der 6-foot-5 große Punter ist schlank, schnell und reaktionsstark, mit der Statur eines Baseball-Pitchers. Tatsächlich schaffte er es an der Mississippi State ins Baseballteam, entschied sich aber für den Football, weil er dort keine große Rolle gespielt hätte. Farwell zufolge wirft er bis heute einen Fastball mit rund 90 mph, den die Jaguars einmal mit der Radarpistole gemessen haben. In der High School spielte Cooke außerdem Quarterback und Wide Receiver, und bei den Jaguars war er zeitweise sogar Emergency Quarterback. Mittlerweile hat Jakobi Meyers diese Rolle, Cooke könnte aber noch als Backup dafür vorgesehen sein. Seine Karrierebilanz als Passer: 4 von 4.
Farwell beschrieb ihn als einen der besten Athleten im Team. Beim Pickup-Basketball oder Baseball wäre er jeweils vorne dabei. Und als der hohe Snap kam, schaltete Cooke laut eigener Aussage in den Baseball-Modus. Ein bisschen Shortstop stecke eben in dieser Position, sagte er. Erst nach dem Spin habe er gemerkt, dass sein Fuß im Weg war, und ihn schnell weggezogen.
Cam Little: Der „Feel Kicker” mit Fußball-DNA
Cam Little hatte sein Bein längst im Schwung, ohne den Ablauf anzupassen. Der Kicker, der sich schon in seiner dritten Saison zu einem der jungen Stars auf seiner Position entwickelt hat, vertraute Cooke blind. Little hat einen Soccer-Hintergrund, was sich in seinem Stil zeigt. Wie beim Fußball denkt er weniger an den Anlauf als an den Kontaktpunkt zwischen Fuß und Ball, egal in welchem Winkel der Ball ankommt. Er nennt sich selbst einen „Feel Kicker”. Ob der Snap hoch, tief, innen oder außen komme, ob der Ball nass sei oder die Laces falsch lägen: Er trete den Ball durch die Uprights, so Little.
Das Ende: 53 Yards, eine Sekunde und ein Traum
Im Schlussabschnitt führten die Eagles nach einem Field Goal von Jake Elliott mit 17:16. Die Jaguars hatten zuvor einen Extra Point verpasst, wieder nach einem hohen Snap. Cooke nahm das übrigens auf sich, er habe den Ball nicht richtig angewinkelt. Acht Sekunden standen noch auf der Uhr, als beide Teams ihre Kickoff Units aufstellten.
Farwell, Assistant Head Coach Shane Waldron und Head Coach Liam Coen hatten nur Momente für die Entscheidung. Farwell plädierte dafür, einfach die normale Return-Variante zu laufen, denn schon zum Spielbeginn war ein Kickoff-Return-Touchdown gelungen, der wegen eines Penalty aber zurückgenommen wurde (die Jaguars kassierten insgesamt 13 Penalties für 100 Yards). Gewählt wurde das Konzept „Double Four”.
Ameer Abdullah, der in 12 NFL-Saisons schon für sechs Teams gespielt hat, fing den Ball etwa an der 9-Yard-Linie und lief 53 Yards, vorbei an Blocks seiner Mitspieler und durch einen abgeschüttelten Tackler. Besonders bemerkenswert: Abdullah schaute im Lauf auf das Videoboard, um die Uhr im Blick zu behalten. Als er zu Boden ging, hielt er einen Finger hoch, ein Zeichen, dass noch eine Sekunde auf der Uhr stand. Jeder Block, jedes Pad Level und jeder Laufwinkel entsprach laut Farwell exakt dem, was am Freitag im Training einstudiert worden war.
57 Yards, „Dying Slowly” und ein Premier-League-Moment
Für das 57-Yard-Field-Goal mit der Zeit-ist-abgelaufen-Situation lief die Field-Goal-Unit auf den Rasen. Die Coaches erinnerten an die „Leapers”, die den Kick blocken wollen, und an „Move”-Calls, mit denen der Gegner einen False Start provozieren möchte. Farwell betonte, dass selbst mit dem normalen Snapper ein solcher Kick extrem schwierig sei. Gewankt habe trotzdem niemand.
Hamilton lieferte den besten Snap seines Spiels, und das im wichtigsten Moment. Links blockte Guard Wyatt Milum in der Technik, die Special Teamer „Dying Slowly” nennen: Man bindet möglichst lange einen zusätzlichen Rusher und lässt sich so langsam wie möglich zu Boden bringen. Milum wurde von zwei Eagles-Spielern vom Boden gehoben und stürzte rückwärts über einen dritten. Little sprach von einer „Rückwärtsrolle” und davon, dass Spieler ihre Körper riskierten, um einen Kick zu ermöglichen.
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— NFL (@NFL) October 11, 2026
Cooke zog den Ball nach unten, drehte die Laces nach vorne, Little trat durch, und sofort wusste er: Der Kick ist gut. Mit ausgebreiteten Armen drehte er ab und sprintete in die gegenüberliegende End Zone, Cooke dicht hinter ihm, während die Mitspieler nacheinander begriffen, was passiert war. Am Ende trugen sie ihren Kicker auf den Schultern, die Arme noch immer ausgestreckt, eine Siegerpose, die an Fußballstars erinnerte. Der Traum, den Little vor dem Spiel in der Kabine gegenüber Farwell geäußert hatte, wurde wahr: einmal ein Game-Winning Kick in einem Premier-League-Stadion.
Blick nach Wembley: Was die Jaguars jetzt mitnehmen
Für die Jaguars geht es in London direkt weiter: In NFL Week 6 trifft das Team im Wembley Stadium auf die Houston Texans, Kickoff ist um 15:30 Uhr deutscher Zeit. Die Frage ist, wie sich die Special Teams der Jaguars präsentieren, denn der Ausfall von Matiscik bleibt ein Thema. Ob er rechtzeitig wieder einsatzbereit ist, lässt sich aus dem Material nicht ablesen. Klar ist aber, dass Jacksonville im Notfall einen Plan hat und mit Cooke und Little zwei Spezialisten besitzt, die auch unter Druck funktionieren.
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Quelle: Recherche von Jourdan Rodrigue, veröffentlicht bei The Athletic.