
Der Super Bowl ist nicht nur das größte Sportereignis des Jahres, sondern auch ein wirtschaftlicher Ausnahmezustand. Trikots, Caps und Fanartikel gehören längst genauso dazu wie Touchdowns und Halftime Show. Doch rund um Super Bowl LX zwischen den New England Patriots und den Seattle Seahawks geriet ausgerechnet dieser kommerzielle Teil des Events ins Wanken.
Fanatics, offizieller Ausrüster der NFL-Shops und Teamstores, sah sich wenige Tage vor dem Endspiel zu einer öffentlichen Entschuldigung gezwungen. In einer Stellungnahme sprach das Unternehmen von „beispiellosen Herausforderungen“ bei der Versorgung der Fans mit Merchandise – insbesondere mit Trikots in den klassischen Teamfarben.
„Beispiellose Herausforderungen“ – was ist passiert?
Laut Fanatics sei die Nachfrage nach Patriots- und Seahawks-Trikots regelrecht explodiert. Der Grund: Beide Franchises galten vor der Saison nicht ansatzweise als Titelkandidaten. Die Seahawks starteten mit 60-zu-1-Quoten, die Patriots sogar mit 80-zu-1 – und hatten im Jahr zuvor die Playoffs komplett verpasst.
Der überraschende Super-Bowl-Run beider Teams führte dazu, dass Fans seit Thanksgiving rund 400 Prozent mehr Trikots kauften als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Eine Entwicklung, auf die selbst ein globaler Marktführer wie Fanatics offenbar nicht vorbereitet war.
Der Hinweis auf sportliche Überraschungen erklärt die Nachfrage – entschuldigt sie aber nicht vollständig.
Denn der Super Bowl ist kein nachholbares Konsumereignis. Wer in dieser Woche kein Trikot bekommt, bekommt es nicht „später“. Der emotionale Wert liegt im Moment, nicht im Paketstatus.
Für viele Fans bedeutete das: jahrelanges Durchhalten, plötzlich Relevanz – und dann leere Warenkörbe.
Fanatics erklärte:
„Wir haben Patriots- und Seahawks-Fans bei der Produktverfügbarkeit enttäuscht – das liegt in unserer Verantwortung, und dafür entschuldigen wir uns.“
Die Reaktion kam schnell, die Wortwahl war transparent, die Verantwortung wurde übernommen. Formal korrekt – kommunikativ sogar vorbildlich.
Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem: Eine Entschuldigung funktioniert nur, wenn noch Vertrauen vorhanden ist. Und genau dieses Vertrauen ist bei vielen Fans längst beschädigt – nicht erst seit Super Bowl LX.
Fanatics has destroyed Sports merchandise… https://t.co/W08nabFx5t pic.twitter.com/FZAcsZ3qde
— Dov Kleiman (@NFL_DovKleiman) February 2, 2026
Ausverkauft statt allzeit bereit
Besonders problematisch war die Verfügbarkeit teamfarbener Trikots. Zeitweise waren sie kaum oder gar nicht erhältlich. Stattdessen bot Fanatics alternative Versionen mit Super-Bowl-LX-Patch an – allerdings nicht in den klassischen Farben.
Genau diese Alternativen sorgten für zusätzlichen Ärger. In sozialen Netzwerken kursierten Fotos von Trikots, die qualitativ minderwertig wirkten, obwohl sie mit 160 US-Dollar deutlich über dem Standardpreis lagen.
Fanatics widersprach:
Die Jerseys seien technisch identisch mit den regulären Nike-„Game“-Trikots – einem der bestbewerteten Fanartikel im NFL-Sortiment. Das Design-Template sei seit der Nike-Übernahme 2012 unverändert.
Preisdebatte: teuer – oder einfach schlecht getimt?
Auch die Preisgestaltung geriet in die Kritik. Ein reguläres NFL-„Game“-Trikot kostet aktuell 130 US-Dollar (ohne Super-Bowl-Patch). 2012 lag der Einstiegspreis bei 100 US-Dollar – inflationsbereinigt liegt der heutige Preis sogar leicht darunter.
Das Problem ist also weniger der objektive Preis als der Kontext:
Wer kurz vor dem Super Bowl keine Auswahl hat und auf Alternativen für 160 Dollar ausweichen soll, erlebt das zwangsläufig als schlechte Kundenerfahrung.
Fanatics verweist darauf, dass alle Artikel kostenlos zurückgegeben werden können – auch Käufe über den NFL Shop sowie die offiziellen Teamstores, die ebenfalls von Fanatics betrieben werden.
Fanatics posted a lengthy apology detailing struggles in keeping up with the demand for Patriots and Seahawks gear for Super Bowl LX.
— cllct (@cllctMedia) February 3, 2026
Fans are NOT happy with the products available. pic.twitter.com/SjPdMAoVOQ
Ein strukturelles Problem, kein Einzelfall
Der Vorfall wirft eine grundsätzliche Frage auf:
Wie planbar ist Erfolg in einer Liga, die von Parität lebt?
Die NFL lebt von Überraschungen – sportlich ist das ihre größte Stärke. Wirtschaftlich wird genau das zum Risiko. Wenn zwei Teams mit minimalen Erwartungen plötzlich im Super Bowl stehen, kollidieren Produktionszyklen, Lieferketten und Nachfrageprognosen.
Super Bowl LX zeigt: Selbst ein Milliardenkonzern wie Fanatics ist nicht immun gegen das Chaos, das die NFL manchmal bewusst produziert.
Ungefilterte Meinung von der Couch
Fanatics hat schnell reagiert, Verantwortung übernommen und Transparenz gezeigt. Das ist positiv. Dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack – vor allem für Fans, die nach Jahren sportlicher Bedeutungslosigkeit endlich ihren großen Moment feiern wollten und dann schlicht kein passendes Trikot bekommen haben.
Und seien wir ehrlich:
Wie überraschend kann ein Super Bowl wirklich kommen, wenn er jedes Jahr zur gleichen Zeit stattfindet? Es ist Fanatics durchaus zuzutrauen, dass man intern fest davon ausging, Chiefs gegen Eagles oder 49ers sei ohnehin gesetzt.
Besonders sensibel fiel die Reaktion auch deshalb aus, weil die Kritik an Fanatics nicht neu ist.
Seit Jahren häufen sich Beschwerden über Qualität, Verarbeitung und Kundensupport – insbesondere bei Trikots. Super Bowl LX wirkte für viele daher weniger wie ein unglücklicher Ausnahmefall, sondern wie der Moment, in dem bekannte Schwächen erstmals auf größter Bühne sichtbar wurden.
Der Super Bowl ist Emotion, Identität und Zugehörigkeit. Wer diesen Moment verpasst, bekommt ihn nicht zurück.
Und genau deshalb wird Super Bowl LX nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich als Lehrstück in Erinnerung bleiben.
Ich persönlich kann Fanatics dieses „Sorry“ nicht wirklich abkaufen. Für mich wirkt es weniger wie echte Einsicht – und mehr wie Reue darüber, dass man nach Jahren spürbarer Qualitätsprobleme ausgerechnet auf einer der größten Bühnen des Sports öffentlich aufgeflogen ist.
Diese Diskussion kommt nicht aus dem Nichts. Seit Jahren häufen sich – gerade unter sogenannten Jersey-Heads, zu denen ich selbst lange gehört habe – die Beschwerden über den Merch-Monopolisten Fanatics:
schief bedruckte Nummern, falsche Ziffern, Blasen unter dem Flock; unsaubere Nähte, grobe Materialfehler; teils massive Größenabweichungen bei identischer Größe – und dazu ein Kundenservice, der einen regelmäßig im Stich lässt oder Rücksendungen selbst bezahlen lässt, selbst bei klaren Fehl- oder Falschlieferungen.
Ich hatte persönlich mehrfach zwei bis drei fehlerhafte Bestellungen in Folge. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem aus Vorfreude nur noch Frust wurde.
Fanatics hat mir konkret den Spaß am Trikot-Sammeln genommen – und damit ein Hobby beerdigt, das mich über Jahre begleitet hat. Ausgerechnet die Trikots, die ich am liebsten gesammelt habe, sind heute exklusiv über Fanatics erhältlich.
Ich habe mich deshalb schon länger von Fanatics distanziert und sämtliche Affiliate-Links gelöscht.
Der aktuelle Deal läuft noch bis 2030. Ich kann nur hoffen, dass die NFL und ihre Partner sich danach neu besinnen – und dass jemand dieses Trümmerfeld wieder in einen Zustand bringt, der der Liga, den Fans und der Bedeutung dieses Sports gerecht wird.