
Als die Head-Coach-Posten für die NFL-Saison 2026 vergeben waren, blieb vor allem eine Zahl hängen:
Zehn offene Head-Coach-Positionen – nur eine davon ging an einen Minority-Kandidaten.
Einen Tag später trat Roger Goodell während seiner traditionellen Pressekonferenz in der Super-Bowl-Woche vor die Medien und kündigte an, die Rooney Rule erneut zu überprüfen. Man wolle „mehr Fortschritte erzielen“, das bestehende System reevaluieren und Programme wie den Accelerator wiederbeleben.
Die Wortwahl war bekannt.
Die Situation allerdings ebenfalls.
Ein Zyklus, der Fragen aufwirft
Formal gesehen lief alles korrekt. Laut Goodell waren alle Teams Rooney-Rule-konform, viele hätten die Mindestanforderungen sogar übertroffen. Jedes Franchise mit Head-Coach-Vakanz interviewte mindestens zwei Minority-Kandidaten – einige sogar deutlich mehr.
Und dennoch:
- Nur ein Minority-Head-Coach wurde eingestellt: Robert Saleh (Tennessee Titans)
- Kein Head Coach afroamerikanischer Herkunft erhielt 2026 einen neuen Posten – bereits zum fünften Mal seit Einführung der Rooney Rule im Jahr 2003
- Für die Saison 2026 gibt es damit lediglich drei afroamerikanische Head Coaches in der NFL:
- DeMeco Ryans (Houston Texans)
- Todd Bowles (Tampa Bay Buccaneers)
- Aaron Glenn (New York Jets)
In einer Liga, in der ein Großteil der Spieler schwarz ist, wirkt dieses Missverhältnis zunehmend schwer erklärbar.
Die Rooney Rule: Erfolg oder Verwaltungsroutine?
Als die Rooney Rule 2003 eingeführt wurde, galt sie als echter Fortschritt. Sie zwang Teams erstmals dazu, sich systematisch mit Kandidaten auseinanderzusetzen, die zuvor oft gar nicht eingeladen wurden.
„Die Rooney Rule der National Football League schreibt vor, dass Teams bei der Besetzung von Headcoach- und wichtigen Management-Positionen mindestens zwei Personen aus ethnischen Minderheiten interviewen müssen. Sie soll Chancengleichheit fördern, garantiert aber keine Einstellung.“
Goodell betont bis heute, dass die Regel Türen geöffnet habe – und das stimmt.
Mehr Interviews. Mehr Sichtbarkeit. Mehr Kontakte.
Doch die entscheidende Frage lautet inzwischen nicht mehr:
Wer wird interviewt?
sondern:
Wer wird tatsächlich eingestellt?
Genau hier offenbart sich die strukturelle Schwäche des Modells. Die Rooney Rule verpflichtet zu Gesprächen, nicht zu ernsthafter Ergebnisoffenheit. In einer hochkompetitiven Liga, in der Owner und General Manager unter enormem Erfolgsdruck stehen, entsteht so ein System, das formal korrekt, aber faktisch zahnlos wirkt.
Oder anders gesagt:
Compliance ersetzt keine Überzeugung.
Der Accelerator: ausgesetzt – und möglicherweise unterschätzt
Ein weiterer Punkt der Kritik ist das Accelerator Program, das 2022 ins Leben gerufen wurde. Ziel war es, Coaches und Executives aus diversen Hintergründen frühzeitig mit Entscheidern zu vernetzen – jenseits konkreter Vakanzen.
2025 wurde das Programm ausgesetzt.
Goodell sieht darin keinen Zusammenhang mit den Ergebnissen des aktuellen Zyklus und kündigte eine Rückkehr „in irgendeiner Form“ an.
Doch gerade diese zeitliche Koinzidenz wirft Fragen auf. Denn wenn strukturelle Netzwerke das eigentliche Problem sind, dann sind genau solche Programme entscheidend – nicht optional.
Wettbewerb als Argument – und als Ausrede
Goodell verteidigte die Ergebnisse mit dem Hinweis auf die Wettbewerbsrealität der Liga:
Teams wollten gewinnen. Zeitdruck spiele eine Rolle. Entscheidungen seien individuell.
All das ist richtig.
Aber es ist auch genau das Argument, das jede strukturelle Veränderung ausbremst.
Denn wenn reiner Wettbewerb als letzte Instanz gilt, wird Vielfalt automatisch zum nachgelagerten Faktor – nie zum gleichwertigen. Und dann bleibt die Rooney Rule zwangsläufig das, was Kritiker ihr seit Jahren vorwerfen:
eine formale Pflicht ohne kulturelle Durchschlagskraft.
Fazit: Reevaluieren reicht nicht mehr
Roger Goodells Ankündigung, „alles zu überprüfen“, ist kein falscher Schritt.
Aber sie ist inzwischen auch kein ausreichender.
Nach über 20 Jahren Rooney Rule ist klar:
- Das Problem liegt nicht beim Zugang
- sondern bei Entscheidungsmechanismen
- und bei der Frage, wer als „sichere Wahl“ gilt
Solange sich an diesen impliziten Bewertungsmustern nichts ändert, wird sich auch das Ergebnis nur marginal verschieben – unabhängig davon, wie oft die NFL ihre Richtlinien überarbeitet.
Die Liga steht damit an einem Punkt, an dem sie sich entscheiden muss:
Will sie Vielfalt dokumentieren – oder Vielfalt tatsächlich produzieren?
Die Antwort darauf wird nicht in Pressekonferenzen fallen.
Sondern in den nächsten Hiring-Zyklen.
👉 Siehe zu diesem Thema auch meinen LinkedIn-Artikel:
„Wenn Chancengleichheit zur Pflichtübung wird“