
Harry Kane in die NFL? Dieser Gedanke ist längst mehr als ein Social-Media-Gag. Der englische Nationalmannschaftskapitän und Torjäger des FC Bayern München liebäugelt ernsthaft mit einer Zukunft als Kicker in der NFL. Zuletzt hat der 33-Jährige die Idee noch einmal aufgegriffen, die er schon vor Jahren in einem Video der Liga angedeutet hatte. Der Zeitpunkt könnte kaum passender sein: Am 15. November gastiert die NFL mit dem NFL Munich Game in der Allianz Arena, also genau dort, wo Kane sonst für den FC Bayern auf Torejagd geht. Wir haben uns angeschaut, was hinter dem Vorhaben steckt und warum Experten so gespalten sind.
Vom Clip zum Karriereplan
Die Geschichte beginnt mit einem NFL-Clip, in dem Kane, damals noch bei Tottenham Hotspur, auf einem Indoor-Kunstrasen mehrere Field Goals aus unterschiedlichen Distanzen verwandelt. Am Ende reißt er die Arme hoch, sichtlich amüsiert, und spricht von einer möglichen kleinen Karriere. Besonders freut ihn ein 50-Yard-Versuch, der locker zwischen den Stangen hindurchsegelt. Charmant: Zu Beginn des Videos muss er sich noch bei einem Umstehenden vergewissern, in welche Richtung die Laces beim Aufsetzen zeigen sollen.
Auch ein Spurs-Video aus dem Jahr 2015 zeigt ihn mit ähnlich präzisen Kicks. Dort jongliert er den Football sogar wie einen Fußball.
Nun hat Kane das Thema erneut auf die Agenda gesetzt. Er sprach darüber, was nach seiner rekordverdächtigen Zeit beim FC Bayern kommen könnte, und die NFL blieb dabei ein Thema. Er wolle die Möglichkeit eines Wechsels in die USA als Specialist Kicker weiter ausloten. Sogar eine Kombination mit einem Karriereende in der Major League Soccer brachte er ins Spiel, also beide Sportarten parallel.
Der Kalender macht Kane einen Strich durch die Rechnung
Ein Blick in die Terminpläne zeigt allerdings schnell, dass die Doppelrolle kaum machbar ist. Die MLS stellt ab der Saison 2027/28 ihren Spielplan um. Statt wie bisher von Februar bis Dezember läuft sie dann von Juli bis Mai und gleicht sich damit den großen europäischen Ligen an. Die NFL-Regular-Season startet dagegen im September und endet im Januar. Danach folgen die Playoffs, und der Super Bowl steigt im Februar. Die Überschneidungen wären enorm.
Kane selbst zeigt sich dennoch selbstbewusst, was die sportliche Seite angeht. Er verweist auf seine Elfmeter, bei denen Druck und Technik den Anforderungen eines Kickers sehr ähnlich seien. Im Training käme er dieser Aufgabe näher als jeder anderen Sportart. Zugleich räumt er ein, dass im Spitzensport vieles im Fernsehen leichter aussehe, als es ist.
Heimvorteil: Das NFL Munich Game als Schaufenster
Schon zu Spurs-Zeiten war Kane bei einem NFL London Game zu Gast. Nun kommt die Liga zu ihm nach Hause. Die Detroit Lions um den deutsch-amerikanischen Wide Receiver Amon-Ra St. Brown treffen in der Allianz Arena auf die New England Patriots. Für München ist es nach 2022 und 2024 bereits das dritte reguläre NFL-Spiel.
Für Kane bietet sich damit eine ideale Gelegenheit, den möglichen nächsten Karriereweg aus nächster Nähe zu erleben. Er kann beobachten, wie die Special Teams arbeiten, wie schnell ein Field-Goal-Versuch vorbereitet wird und wie viel Druck auf den Kickern lastet, wenn Zehntausende Fans zusehen. Genau die Abläufe, die Experten als größte Hürde für Fußballer nennen, ließen sich an diesem Sonntag live studieren, im eigenen Stadion.
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Vorbilder: Wenn Fußballer zu Kickern werden
Kane wäre nicht der erste Fußballer, der den Sprung wagt. Die Liste der Crossover-Geschichten ist überraschend lang:
- Jesus Angoy war in den 1990ern Ersatztorhüter beim FC Barcelona und wurde später Kicker in der NFL Europe, der damaligen Development League der NFL.
- Josh Lambo stand im Tor des FC Dallas und lief für die US-Nachwuchsteams U17 und U20 auf. Über den College-Football schaffte er es in die NFL und spielte sechs Jahre für die Chargers, Jaguars und Titans.
- Eddy Pineiro von den San Francisco 49ers spielte in jungen Jahren Fußball und kickte erst im letzten High-School-Jahr einen Football. Über die University of Florida führte ihn der Weg zu inzwischen sieben NFL-Teams.
- Cairo Santos von den Chicago Bears wuchs in Brasilien mit Fußball auf und entdeckte den American Football als 15-jähriger Austauschschüler in Florida. Mittlerweile geht er in seine 13. NFL-Saison.
Nicht jeder Versuch endete so erfolgreich. Tony Meola, hundertfacher Nationaltorhüter der USA und WM-Teilnehmer 1994, testete nach dem Turnier bei den New York Jets. Seine fehlende Erfahrung zeigte sich schnell, und nach drei Preseason-Spielen wurde er entlassen. Er kehrte zum Fußball zurück.
Brandon Aubrey: Der lebende Beweis
Das prominenteste Beispiel der Gegenwart ist Brandon Aubrey von den Dallas Cowboys. Im April unterschrieb er eine vierjährige Verlängerung über 28 Millionen Dollar und ist damit der bestbezahlte Kicker der NFL-Geschichte. In seinen frühen Zwanzigern spielte er noch für Toronto FC in der MLS und war dort als Innenverteidiger ein Erstrundenpick. Erst mit 28 Jahren kam er in die NFL.

Aubrey hält Kanes Vorhaben grundsätzlich für machbar. Das eigentliche Problem sei die Marktlage: Es gebe nur 32 Jobs, weil jedes Team nur einen Kicker beschäftigt. Selbst mit dem nötigen Talent müsse einem jemand eine Chance geben. Bei ihm selbst dauerte das am längsten. Drei Jahre trainierte er, bis die USFL entstand, eine Liga eine Stufe unter der NFL. Ohne sie würde er nach eigener Einschätzung wohl noch immer gegen die Wand rennen.
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Fachlich sieht Aubrey deutliche Parallelen. Wer einen Fußball millionenfach trifft, übertrage das auf den Football. Man müsse nur herausfinden, wo man den Ball trifft und wie man den Fuß formt. Auch die mentale Seite bei Standardsituationen und Elfmetern ähnele einem Field Goal stark.
Die Expertenmeinung: Technik ja, Timing schwierig
Phil Alexander kennt beide Welten. Er spielte für die englische Schülerauswahl und Norwich City als Verteidiger, ehe er 1990 zum American Football wechselte. Als Kicker der London Monarchs gewann er in der World League of American Football den World Bowl im Wembley-Stadion und wurde ins All-World-League-Team gewählt. Später war er CEO von Crystal Palace und leitet heute die National League.
Alexander traut Kane die reine Technik durchaus zu, warnt aber vor Fallstricken:
- Rhythmus: Ein Kicker ist im Spiel kaum „drin“. Er kommt für wenige Sekunden aufs Feld, ähnlich wie ein Fußballer, der nur für einen Elfmeter eingewechselt wird, ohne warm zu sein oder Spielfluss zu haben.
- Der Ball: Der Football ist kleiner, und der Sweet Spot ist es ebenfalls. Man muss ihn exakt im richtigen Moment treffen, um genug Höhe für die Defensive Line zu bekommen. Das lasse sich aber durch wiederholtes Training verinnerlichen.
- Special Teams: Kane müsste sich an die Zusammenarbeit mit Long Snapper und Holder gewöhnen. Der Snapper passt den Ball zum Holder, der ihn für den Kicker positioniert, und das alles in einem engen Zeitfenster.
- Distanzen: Field Goals werden in der NFL immer länger, Versuche aus 50 Yards sind Alltag. Dabei sind die Uprights mit 5,64 Metern deutlich schmaler als ein Fußballtor mit 7,32 Metern.
Insgesamt hält Alexander es für gut möglich, dass Kane sich an den Football gewöhnt und ihn effizient tritt. Auch das Spielverständnis traue er ihm zu, schließlich sei Kane ein Topprofi mit Erfahrung im mentalen Bereich des Spitzensports. Skeptisch ist er beim Doppelmodell: Kane werde nicht jünger, das Verletzungsrisiko sei ein Thema, und ob ein NFL-Team das eingehen würde, sei fraglich. Erfolg in der MLS kann er sich vorstellen, beides zugleich klinge jedoch fantasievoll.
Taylor Twellman bleibt skeptisch
Noch deutlicher wird Taylor Twellman, ehemaliger US-Nationalstürmer, der in der High School selbst beide Sportarten spielte. Bei X schrieb er sinngemäß, als Profi habe Kane keine Chance. Gegenüber The Athletic legte er nach: Ein guter Kicker müsse Formationen und Play Calls verstehen, es gehe um weit mehr als darum, aufs Feld zu laufen und den Ball zu treten. Es sei bemerkenswert, wie viele Fußballer glaubten, kicken zu können, bis sie es mit Linemen vor der Nase tatsächlich versuchen. Mit 18 bis 20 Spielern vor sich zu kicken, sei etwas völlig anderes.
Meinung von der Couch zu Harry Kanes NFL-Traum
Ich gebe es zu: Als Fan des Sports liebe ich die Vorstellung, Harry Kane bei einem Game-Winning Field Goal zu sehen. Die Geschichten von Aubrey, Santos oder Lambo zeigen, dass der Weg vom Fußball zur NFL keine Fantasie ist. Trotzdem halte ich Kanes Plan für kaum umsetzbar. Nicht wegen des Fußes, den hat er, sondern wegen der Rahmenbedingungen. 32 Jobs, ein enger Kalender und ein Team, das einen 34-Jährigen mit Verletzungsrisiko verpflichten müsste, sind hohe Hürden. Ein Kick unter Druck ist das eine. Kicken mit einer Wand aus Linemen vor sich ist etwas anderes.
Am ehesten sehe ich ihn nach der Fußballkarriere in einem ernsthaften Tryout oder in einer Nachwuchsliga, so wie Aubrey damals in der USFL. Und vielleicht sitzt er am 15. November ja in der Allianz Arena und schaut den Kickern ganz genau auf den Fuß. Ich lasse mich gern überraschen.der USFL. Und wer weiß: Vielleicht wird Kane der Erste, der beweist, dass die Skeptiker unrecht hatten. Ich lasse mich gern überraschen.
Quelle: Recherche von Greg O’Keeffe, veröffentlicht bei The Athletic.