
Es sind Nachrichten, die man bei einem Spieler mit laufendem NFL-Vertrag nicht erwartet: Rashee Rice, Wide Receiver der Kansas City Chiefs, hat am Mittwoch vor einem Bundesgericht in Texas Insolvenz angemeldet. Nach den Gerichtsunterlagen beläuft sich der Schuldenberg des 26-Jährigen auf mehr als 3,45 Millionen Dollar. Der größte Teil davon hängt mit Zivilklagen zusammen, die aus seinem Verkehrsunfall in Dallas und aus Vorwürfen einer Ex-Freundin resultieren.
Was Rice in den Unterlagen angibt
Rice hat sein Verfahren beim zuständigen Insolvenzgericht im Northern District of Texas eingereicht. Er hat sich für Chapter 7 entschieden. Das ist die Variante der Privatinsolvenz in den USA, bei der nicht pfändungsgeschützte Vermögenswerte verwertet werden, um die Gläubiger zu bedienen. Wer Chapter 7 beantragt, räumt also ein, seine Verbindlichkeiten nicht mehr aus eigener Kraft begleichen zu können.
Die Zahlen aus dem Antrag im Überblick:
- Schulden gesamt: mehr als 3,45 Millionen Dollar
- Davon aus Zivilverfahren: über 2,1 Millionen Dollar, entweder bereits verglichen oder noch auf eine Verhandlung wartend
- Persönliche Vermögenswerte: 677.054 Dollar, darunter 421.825 Dollar als „deferred compensation“ (aufgeschobene Vergütung)
- Guthaben auf den Girokonten: 13.640 Dollar
- Nicht geschütztes Vermögen: 39.241 Dollar
Immobilien besitzt Rice laut eigenen Angaben nicht. Er wohnt zur Miete.
Der größte Gläubiger und die strittigen Posten
Der größte Einzelgläubiger hat noch 979.837 Dollar offen. Der Betrag stammt aus einem Vergleich von 2025, der den Unfall in Dallas betrifft. Nicht alle Forderungen erkennt Rice jedoch an. Er bestreitet mögliche Schulden aus mehreren laufenden Zivilverfahren, darunter Klagen von Unfallopfern in Höhe von insgesamt rund 700.000 Dollar. Hinzu kommen etwa 200.000 Dollar aus der Klage seiner früheren Partnerin.
Ein Detail sticht besonders heraus: Rice hat seinen Super-Bowl-LVIII-Ring, den er mit 160.000 Dollar beziffert, als Sicherheit an Thomas McMurray verpfändet. McMurray ist sein Anwalt in den anhängigen Zivilverfahren. Rices Insolvenzanwalt David Shuster und die Chiefs wollten sich zu dem Antrag nicht äußern. McMurray reagierte zunächst nicht auf Anfragen von ESPN.
Der Hintergrund: Crash, Klagen, Sperre
Um die Insolvenz einzuordnen, lohnt der Blick zurück. Im Jahr 2024 war Rice an einem Raserunfall mit mehreren Fahrzeugen in Dallas beteiligt, bei dem mehrere Menschen verletzt wurden. Die NFL sperrte ihn dafür für sechs Spiele. Strafrechtlich bekannte er sich schuldig, und zwar in zwei Anklagepunkten, die in Texas als Verbrechen dritten Grades gelten: Kollision mit schwerer Körperverletzung und illegales Rennen auf einer Straße mit Verletzten. Das Urteil lautete auf 30 Tage Haft und fünf Jahre Bewährung.
In diesem Jahr musste Rice weitere 30 Tage ins Gefängnis, weil er gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hatte. Er war positiv auf Marihuana getestet worden.
Dazu kommt ein zweiter Strang: Eine Ex-Freundin wirft Rice vor, sie zwischen 2023 und 2025 mehrfach misshandelt zu haben. Dazu läuft eine Zivilklage. Die Liga verhängte in diesem Zusammenhang keine Strafe gegen Rice.
Die sportliche Lage in Kansas City für Rashee Rice
Sportlich war Rice der Hoffnungsträger der Chiefs. In seiner Rookie-Saison 2023 kam er auf 938 Receiving Yards und sieben Touchdowns. Am Ende stand der Gewinn des Super Bowls. Seitdem haben Sperren, Verletzungen und Verfahren immer wieder verhindert, dass er seine Entwicklung fortsetzen konnte.
In der laufenden Saison stehen nach fünf Einsätzen 20 Catches für 243 Yards und zwei Touchdowns zu Buche. Rice befindet sich im letzten Jahr seines Rookie-Vertrags. Der Kontrakt umfasst vier Jahre mit einem Gesamtwert von rund 6,5 Millionen Dollar. Für 2026 erhält er ein Base Salary von 1.560.711 Dollar.
Kein Einzelfall: Wenn NFL-Millionen verschwinden
So drastisch der Fall Rice klingt: Überraschend ist er nicht. Dass ehemalige und aktive NFL-Profis in finanzielle Schieflage geraten, ist seit Jahren ein bekanntes Phänomen. Schon vor vielen Jahren berichtete Sports Illustrated, dass etwa vier von fünf Spielern innerhalb von zwei Jahren nach dem Karriereende pleite sind oder unter erheblichem finanziellem Druck stehen. Die Zahl wird bis heute oft zitiert.
Wichtig dabei: Nicht jeder NFL-Spieler ist Multimillionär. Die großen Verträge bekommen nur wenige Stars. Die Karrieren sind kurz, und von den Gehältern gehen Steuern, Agentenhonorare und Lebenshaltungskosten ab. Wer glaubt, das Einkommen der ersten Jahre reiche für ein ganzes Leben, steht schnell vor einem Problem.
Die klassischen Muster sind dabei immer wieder dieselben:
- Übermäßiger Lebensstil: Autos, Schmuck, Immobilien und Clubnächte. Andre Rison gab nach eigener Aussage allein für Schmuck mindestens eine Million Dollar aus. Terrell Owens kam in seiner Karriere auf fast 80 Millionen Dollar und verlor den Großteil davon, unter anderem durch teure Immobilien und riskante Anlagen.
- Schlechte Investments und falsche Berater: Clinton Portis verlor Millionen, weil ihm zwei bei der Spielergewerkschaft NFLPA registrierte Berater ein Casino-Projekt in Alabama schmackhaft machten, das scheiterte. Rocket Ismail steckte Geld in Restaurants, Filmprojekte und ein Musiklabel, ohne es je wiederzusehen.
- Immobilien als Klumpenrisiko: Beim Platzen der Immobilienblase 2008 traf es unter anderem Hall of Famer Dermontti Dawson. Er meldete 2010 Insolvenz an, mit rund 70 Millionen Dollar Schulden und nur etwa 1,4 Millionen Dollar Vermögen.
- Unterhaltszahlungen und Großzügigkeit: Hohe Verpflichtungen gegenüber Kindern, Verwandten und Freunden fressen sich über Jahre in jedes Budget.
Selbst Legenden sind nicht davor gefeit: Johnny Unitas meldete 1991 nach gescheiterten Geschäften Insolvenz an, Bernie Kosar 2009, Vince Young 2014, und Mark Brunell hatte bei seinem Karriereende Schulden von rund 25 Millionen Dollar.
Der Fall Rice unterscheidet sich allerdings in einem Punkt: Seine Schulden stammen nicht aus Luxus oder Fehlinvestitionen, sondern größtenteils aus Zivilverfahren. Mehr als 2,1 Millionen Dollar der Verbindlichkeiten hängen an Klagen, die verglichen wurden oder noch anstehen. Dazu kommt: Ein Rookie-Vertrag über rund 6,5 Millionen Dollar auf vier Jahre ist kein Mega-Kontrakt, sondern vor Steuern und Abzügen schnell aufgebraucht, wenn Anwalts- und Vergleichskosten in dieser Größenordnung anfallen.
Was die Insolvenz für die Zukunft bedeutet
Ob das Verfahren Folgen für Rices Status bei den Chiefs hat, ist offen. Das Team hat sich nicht geäußert. Klar ist aber: Rices Vertrag läuft nach der Saison aus. Seine Free-Agency-Situation dürfte damit zusätzlich komplizierter werden. Ob und wie die Chiefs oder ein anderes Team mit ihm weiterplanen, wird sich zeigen.
Meinung von der Couch
Ich finde diese Geschichte vor allem traurig, und zwar aus mehreren Gründen. Rashee Rice war 2023 einer der spannendsten jungen Receiver der Liga. Er war Passempfänger für Patrick Mahomes und Teil eines Super-Bowl-Teams. Was daraus geworden ist, hat mit Football nur noch am Rand zu tun.
Gleichzeitig muss man fair bleiben: Der Großteil der Schulden ist die Konsequenz eigener Entscheidungen, vor allem des Unfalls von 2024, bei dem andere Menschen verletzt wurden. Bei den Vorwürfen der Ex-Freundin gilt zudem: Es geht um Zivilverfahren, die zum Teil noch nicht entschieden sind. Rice bestreitet einzelne Forderungen ausdrücklich.
Wirklich überrascht hat mich die Meldung nicht, und das sagt eigentlich schon alles. Dass NFL-Spieler in finanzielle Not geraten, ist ein altbekanntes Muster. Millionenverträge haben nur die wenigsten, die Karrieren sind kurz, und längst nicht jeder Spieler wird gut beraten. Bei Rice kommt hinzu, dass Anwaltskosten, Vergleichszahlungen und Sperren ein ordentliches Einkommen schnell aufzehren. Auch deshalb sind Finanzbildung und seriöse Beratung für junge Spieler so wichtig. Angebote dafür gibt es von Teams, Liga und Spielergewerkschaft, doch sie müssen auch genutzt werden.
Für die Chiefs wird die Entscheidung über Rices Zukunft nicht leichter. Sportlich bleibt er ein Talent. Alles andere ist inzwischen eine Frage von Vertrauen und Verlässlichkeit.
Quelle: Recherchen von Nate Taylor und Michael Rothstein, veröffentlicht bei ESPN, sowie Berichterstattung der Associated Press. Hintergründe zu Spielerinsolvenzen: Sports Illustrated, zitiert bei Bleacher Report (Ty Schalter) und Yahoo Finance/GOBankingRates.