
Die NFL wird immer spezialisierter. Die moderne NFL liebt Vielseitigkeit.
Offensiv wie defensiv gibt es für nahezu jede Situation eigene Pakete, eigene Formationen und oft sogar eigene Spieler. Gleichzeitig werden diejenigen Akteure immer wertvoller, die genau das Gegenteil verkörpern: Spieler, die mehrere Rollen auf hohem Niveau ausfüllen können.
Ein Safety, der auch Linebacker spielen kann. Ein Cornerback, der als Returner Spiele entscheidet. Ein Running Back, der gleichzeitig einer der besten Receiver seines Teams ist. Oder sogar ein Spieler, der auf beiden Seiten des Balls zum Einsatz kommt.
Genau diese sogenannten „Swiss Army Knives“ gehören mittlerweile zu den wertvollsten Bausteinen vieler Teams.
Warum Vielseitigkeit heute wichtiger ist als je zuvor
Die NFL befindet sich in einem ständigen Wettrüsten zwischen Offense und Defense.
Offensive Coordinator suchen nach Matchup-Vorteilen, Defenses versuchen diese wieder zu neutralisieren. Je flexibler ein Spieler einsetzbar ist, desto schwieriger wird er für den Gegner zu lesen.
Besonders deutlich sieht man das aktuell bei den immer beliebter werdenden Tight-End-lastigen Offenses. Viele Teams setzen vermehrt auf mehrere Tight Ends gleichzeitig, um Defenses vor schwierige Entscheidungen zu stellen.
Bringt die Defense zusätzliche Linebacker aufs Feld, droht sie im Passspiel Probleme zu bekommen.
Bleibt sie in leichteren Nickel-Paketen, droht sie gegen das Laufspiel körperlich unterlegen zu sein.
Genau hier kommen die vielseitigen Spieler ins Spiel.
Nick Emmanwori – Safety, Linebacker und vielleicht bald Pass Rusher
Einer der spannendsten Spieler dieser Entwicklung ist Nick Emmanwori von den Seattle Seahawks.
Offiziell läuft er als Nickel Defender auf. Praktisch übernimmt er inzwischen Aufgaben eines Safetys, Linebackers und teilweise sogar Edge Defenders.
Seattle spielte vergangene Saison mehr Sub-Pakete als jedes andere Team der Liga und konnte trotzdem gegen den Lauf bestehen, weil Emmanwori physisch wie ein Linebacker agierte.
Gleichzeitig besitzt er die Athletik und Coverage-Fähigkeiten eines Defensive Backs.
In der Offseason arbeitet er sogar an Pass-Rush-Moves. Sollte dieser Teil seines Spiels ebenfalls dazukommen, könnte er zu einem der komplettesten Defensivspieler der Liga werden.
Kyle Hamilton und Derwin James: Die Blaupause moderner Defenses
Wenn NFL-Coaches über vielseitige Defensivspieler sprechen, fallen fast immer dieselben Namen.
Kyle Hamilton bei den Ravens und Derwin James bei den Chargers gelten inzwischen als Musterbeispiele für moderne Hybrid-Verteidiger.
Hamilton kann als Free Safety, Slot Defender, Box Safety oder sogar Linebacker spielen. Je nachdem, wo Baltimore Probleme lösen muss, wird er genau dort eingesetzt.
Derwin James funktioniert ähnlich.
Mal blitzt er durch die Mitte, mal deckt er Tight Ends in Man Coverage und im nächsten Spielzug verteidigt er tiefe Zonen.
Solche Spieler geben Defensive Coordinators maximale Flexibilität – und machen es Quarterbacks extrem schwer, die Defense vor dem Snap zu lesen.
Travis Hunter: Der außergewöhnlichste Spieler der NFL?
Über keinen vielseitigen Spieler wird derzeit mehr gesprochen als über Travis Hunter.
Der Jaguars-Star ist einer der wenigen Spieler der modernen NFL, der ernsthaft auf beiden Seiten des Balls eingesetzt wird.
Als Receiver zeigt er großes Potenzial als Playmaker. Gleichzeitig besitzt er als Cornerback die Anlagen eines zukünftigen Shutdown Defenders.
Ob Hunter langfristig wirklich dauerhaft beide Rollen spielen kann, bleibt offen. Die körperliche Belastung wäre enorm.
Allein die Tatsache, dass diese Diskussion überhaupt geführt wird, zeigt jedoch, wie außergewöhnlich sein Skillset ist.
Colston Loveland: Die neue Generation der Tight Ends
Die NFL erlebt aktuell einen regelrechten Tight-End-Boom. Gefragt sind dabei vor allem Spieler, die sowohl als Receiver als auch als Blocker funktionieren.
Genau deshalb gehört Bears-Tight-End Colston Loveland zu den spannendsten jungen Spielern der Liga. Der ehemalige First-Round-Pick entwickelte schnell eine starke Chemie mit Caleb Williams und wurde zu einer zentralen Waffe im Passspiel.
Gleichzeitig machte Loveland als Blocker große Fortschritte und nähert sich damit dem Profil an, das George Kittle seit Jahren verkörpert: ein Tight End, der praktisch alles kann.
Mit gerade einmal 22 Jahren könnte Loveland schon bald zu den komplettesten Spielern auf seiner Position gehören.
Christian McCaffrey und Puka Nacua zeigen Vielseitigkeit in der Offense
Vielseitigkeit beschränkt sich längst nicht nur auf die Defense.
Christian McCaffrey ist seit Jahren das perfekte Beispiel dafür, wie wertvoll ein Running Back sein kann, der gleichzeitig wie ein Receiver eingesetzt werden kann.
Selbst in einer Saison, in der San Franciscos Laufspiel Probleme hatte, hielt McCaffrey die Offense mit seiner Arbeit im Passspiel am Leben.
Ähnlich besonders ist Rams-Receiver Puka Nacua.
Nacua gehört nicht nur zu den produktivsten Passempfängern der NFL, sondern gilt gleichzeitig als einer der besten Blocker auf seiner Position. Sean McVay nutzt genau diese Fähigkeit regelmäßig, um seine Offense noch schwerer ausrechenbar zu machen.
Die vergessenen Allzweckwaffen
Nicht immer müssen es Superstars sein.
Ein gutes Beispiel dafür ist Marcus Jones von den New England Patriots.
Offiziell ist Jones Cornerback. Gleichzeitig wird er regelmäßig als Return Specialist eingesetzt und gehört damit zu einer Gruppe von Spielern, die gleich in mehreren Phasen des Spiels Einfluss nehmen können.
Solche Akteure bekommen oft weniger Aufmerksamkeit als die großen Stars, sind für ihre Teams aber enorm wertvoll.
Gerade Special Teams werden häufig unterschätzt, obwohl einzelne Big Plays dort Spiele komplett verändern können.
Fazit von der Couch
Die NFL entwickelt sich immer stärker zu einer Liga der Matchups.
Je flexibler ein Spieler eingesetzt werden kann, desto schwieriger wird er für den Gegner zu planen. Genau deshalb investieren Teams immer mehr in sogenannte Hybrid-Spieler, die mehrere Rollen gleichzeitig erfüllen können.
Ob Kyle Hamilton, Travis Hunter, Christian McCaffrey oder Puka Nacua – sie alle zeigen auf unterschiedliche Weise, wie wertvoll Vielseitigkeit im modernen Football geworden ist.
Und die Entwicklung dürfte noch lange nicht abgeschlossen sein.
Denn während die NFL immer spezialisierter wird, steigt gleichzeitig der Wert jener Spieler, die sich eben nicht in eine einzige Schublade stecken lassen.