Carlie Irsay-Gordon an der Seitenlinie der Indianapolis Colts – eine Ownerin, die zuhört, beobachtet und Führung in der NFL neu definiert.
Carlie Irsay-Gordon an der Seitenlinie der Indianapolis Colts – eine Ownerin, die zuhört, beobachtet und Führung in der NFL neu definiert. | Quelle: IMAGO / Icon Sportswire

Alle Blicke richten sich auf Carlie Irsay-Gordon – nicht wegen lauter Ankündigungen oder demonstrativer Machtgesten, sondern wegen eines Führungsstils, der in der NFL fast schon ein Gegenentwurf zur Norm ist: konsequente Neugier. Seit dem Tod ihres Vaters Jim Irsay im Mai steht die 45-Jährige erstmals offiziell an der Spitze der Indianapolis Colts. Und während sportliche Rückschläge, personelle Grundsatzfragen und emotionale Umbrüche gleichzeitig auf das Franchise einwirken, bleibt eine Konstante: ihr Fokus auf Prozesse statt auf kurzfristige Ergebnisse.

Hinweis: Die Idee und Grundlage für diesen Artikel entstand auf Basis des Artikels „All eyes are on the NFL’s most atypical owner. Where will her curiosity lead her next?“ von Jourdan Rodrigue.


Eine Saison zwischen Hoffnung, Kontrollverlust und Realität

Der Herbst begann für die Colts mit einer Dynamik, die in Indianapolis lange gefehlt hatte. Acht Siege aus den ersten zehn Spielen erzeugten echte Playoff-Fantasien – ein emotionaler Aufschwung für eine Organisation und eine Stadt, die wenige Monate zuvor den Verlust ihres langjährigen Owners verkraften musste. Doch Football bleibt gnadenlos. Die Verletzung von Quarterback Daniel Jones – erst Fibula, dann Achillessehne – markierte einen Wendepunkt. Die Saison kippte, sechs Niederlagen in Serie folgten, die Playoff-Hoffnungen lösten sich auf.

Für Irsay-Gordon war es nicht nur sportlich ein Schockmoment, sondern auch der erste große Belastungstest ihrer Amtszeit. In einem Konferenzraum des Trainingszentrums schrieb sie zu dieser Zeit einen Satz auf ein Whiteboard und zog einen Rahmen darum:
„The things which hurt, instruct.“
Ein Leitsatz, der weniger nach Durchhalteparole klingt als nach Analyse. Schmerz als Informationsquelle.


Präsenz statt Distanz: Eine Ownerin im Detailmodus

Was Irsay-Gordon von vielen NFL-Ownern unterscheidet, ist ihre alltägliche Nähe zum Team. Sie sitzt in Positionsmeetings, nimmt an Walkthroughs teil, ist bei Practices, reist mit Scouts und ist fester Bestandteil der Draft-Vorbereitung. An der Seitenlinie trägt sie ein Headset – nicht, um Anweisungen zu geben, sondern um zuzuhören. Sie spricht nicht hinein, sie schreibt mit. Play für Play.

General Manager Chris Ballard beschreibt sie als eine der prozessgetriebensten Persönlichkeiten, mit denen er je gearbeitet hat. Entscheidungen werden nicht impulsiv gefällt. Sie entstehen aus Fragen: Warum wurde das so gelöst? Welche Annahmen stecken dahinter? Was war die Alternative?

Diese Herangehensweise ist kein plötzlich entdeckter Management-Stil, sondern das Ergebnis eines jahrzehntelangen Lernprozesses.


Ausbildung durch Nähe – nicht durch Titel

Irsay-Gordon arbeitete über viele Jahre hinweg in nahezu jeder Abteilung der Organisation: Ticketing, Marketing, interne Medien, Football Operations. Parallel studierte sie Religionswissenschaften und Geowissenschaften, begann später ein Promotionsstudium in Psychologie. Sie selbst sagt, diese Zeit habe sie vor allem eines gelehrt: Neutralität im Denken.

Sie wollte nie über Titel führen. Stattdessen verstand sie ihre Rolle immer als die einer Lernenden. Je tiefer sie in Football Operations einstieg, desto bewusster suchte sie Mentoren: im Scouting, im Salary Cap, im Video- und Analysebereich – und besonders bei Coaches und Spielern. Wissen, so ihr Ansatz, entsteht durch Nähe, nicht durch Hierarchie.


Beziehungskultur als strategischer Faktor

Innerhalb des Locker Rooms wird Irsay-Gordon nicht als distanzierte Eigentümerin wahrgenommen. Spieler berichten von regelmäßigen Gesprächen in ihrem Büro, von ehrlichem Interesse, von Fragen nach Details – von Technik bis Wohlbefinden. Manche Treffen führen zu konkreten Veränderungen: bessere Ernährung, hochwertigere Ausrüstung, Investitionen in mentale Gesundheitsangebote. Andere sind einfach Gespräche. Oder Geburtstagsbesuche mit Cupcakes.

Veteran Grover Stewart beschreibt den Unterschied so: „Andere Owner sagen: Das ist, was ich mache. Punkt. Sie fragt: Was brauchst du?“

Diese Nähe ist kein Zufall, sondern Teil einer Kultur, die sie von ihrem Vater übernommen – und weiterentwickelt – hat.


„Kicking the Stigma“ und das Erbe von Jim Irsay

Jim Irsay war eine der offensten Figuren der NFL, wenn es um mentale Gesundheit und Suchtprobleme ging. Seine Töchter wuchsen mit dieser Offenheit auf – inklusive Therapie seit Kindertagen. Aus dieser Erfahrung entstand 2020 die Initiative Kicking the Stigma, heute federführend von Schwester Kalen Jackson verantwortet. Millionen fließen in Aufklärung, Forschung und konkrete Hilfsangebote.

Unter Carlie Irsay-Gordon ist dieses Engagement kein Nebenprojekt, sondern Teil der Identität der Franchise. Mitarbeitende und Spieler haben Zugang zu Beratung, dieselben Mahlzeiten, dieselbe Wertschätzung. Die Organisation versteht sich – ganz bewusst – als ökosystemisches Ganzes.


Die schwierigste Phase kommt jetzt

Sportlich steht das Franchise vor einer der entscheidendsten Offseasons der letzten Jahre. Die Zukunft von Daniel Jones, die Bewertung der Arbeit von Ballard und Head Coach Shane Steichen, der langfristige Kurs auf Quarterback – all das fällt nun erstmals vollständig in Irsay-Gordons Verantwortung.

Die Beziehungen sind eng, aber nicht unkritisch. Genau hier greift ihr Ansatz: Zuhören, hinterfragen, verstehen – dann entscheiden. Ohne Eile. Ohne Drama. Ohne öffentliche Schuldzuweisungen.


Trauer, Verantwortung und ein Blick nach vorn

Zwischen Meetings, Draftboards und Playdesigns liegt eine persönliche Realität, die selten im Fokus steht: Es ist das erste Jahr ohne ihren Vater. Die Colts ehrten Jim Irsay die gesamte Saison über – unter anderem mit einer Gitarre mit der Aufschrift „Win for Jim“, die Spieler an Spieltagen ins Stadion trugen. Musik, Erinnerung, Identität – alles verwoben.

Fotos, Sprachnachrichten, Erinnerungsstücke sind überall im Gebäude. Die Arbeit geht weiter, aber sie trägt Gewicht.


Fazit: Führung durch Fragen

Carlie Irsay-Gordon steht für einen seltenen Ansatz in einer ligaweiten Kultur der schnellen Urteile. Sie glaubt nicht an Change um des Changes willen. Sie glaubt an informierte Anpassung. An Lernen. An Beziehungen als Fundament von Leistung.

Am Ende stellt sie selbst die entscheidende Frage: Was macht ein Team aus?
Ihre Antwort ist klar: Verbindung, Vertrauen und Neugier.

Die Uhren im Colts-Trainingszentrum laufen weiter.
Und manchmal sind es genau die schmerzhaften Momente, die den klarsten Blick ermöglichen.