
Nach einer phänomenalen NFL-Europatour 2025 steht für mich jetzt endlich das erste Live-Spiel der Saison 2026 an: das NFL London Game im Tottenham Hotspur Stadium. London fühlt sich inzwischen an wie eine zweite Heimat, und das Tottenham Stadium ist so etwas wie mein Wohnzimmer.
Nachdem Carsten vergangene Woche für uns beim London Game vor Ort war, stand nun das aus meiner Sicht beste Match-up der drei London Games an: die Philadelphia Eagles gegen die Jacksonville Jaguars. Auf meinem Plan stehen in dieser Saison noch die Spiele in Paris und München. Madrid muss ich dieses Jahr leider auslassen.
Das Spiel hielt, was das Match-up versprochen hatte. Es wurde ein Krimi mit einer unvergesslichen Schlussphase: harte Defense auf beiden Seiten, viele Strafen und genau die Big Plays, die es am Ende brauchte. Die Jaguars gewannen mit 19:17 in ihrem englischen „Wohnzimmer“, das an diesem Tag fest in Eagles-Hand war.
Ich war für COUCH QUARTERBACK wieder live vor Ort, aber das Wochenende begann diesmal etwas atypisch.
👉 Hier geht’s zu meinem London-Bericht vom letzten Jahr
Old Trafford statt Sightseeing: Ein Samstag bei Manchester United
Los ging es dieses Mal nicht in London, sondern in Manchester. Am Samstag habe ich im legendären Old Trafford das Premier-League-Spiel zwischen Manchester United und den Tottenham Hotspur besucht. Im Fußball schlagen meine Herzen für Hertha BSC und Manchester United. Wenn ich ohnehin an einem Wochenende in Großbritannien bin, binde ich United deshalb gern mit ein.

Das Spiel selbst war eher so lala. Am Ende stand ein für United schmeichelhaftes 1:1. Als Stadion-Erlebnis war es trotzdem wieder ein Highlight.
Anreise: Frühflug von Manchester nach London Heathrow
Der Wecker klingelte früh, denn der Flug nach London ging erst am Sonntagmorgen um 5 Uhr. Mit British Airwaysreiste ich diesmal deutlich komfortabler als mit Ryanair und landete in London Heathrow.
Eigentlich hatte ich mir von Matthias Gindorf von BeimFootball im Footballreisen-Podcast ein paar gute Tipps für die schnellste Verbindung in die Stadt geholt. Weil auf den anderen Strecken aber Störungen den Zugverkehr lahmlegten, blieb mir am Ende nur die Underground. Dafür war sie deutlich günstiger.
Mein Hotel lag diesmal in Stratford. Von dort komme ich am Montag wesentlich schneller zum London City Airport.
Football-Vibes: London in Eagles-Grün
Das klassische NFL-Sightseeing fiel diesmal aus, weil ich erst so kurzfristig in der Stadt war. Das Stadtbild sprach trotzdem für sich: Auch 2026 dominiert die NFL London, und diesmal dominierte vor allem Eagles-Grün. Die grünen Jerseys waren überall zu sehen, in der U-Bahn, auf den Straßen und später auch im Stadion, wo sie klar in der Überzahl waren.
Gameday: Erste Eindrücke vom Tottenham Hotspur Stadium
Dann war es so weit: Gameday. Im Media Workroom richtete ich mich nach der Abholung der Akkreditierung ein, direkt neben den Pressebereichen und mit schnellem Zugang zur Pressetribüne. Von dort hat man einen hervorragenden Blick aufs Feld.
Und ich muss es jedes Mal wieder sagen: Dieses Stadion ist ein Statement. Man merkt an jeder Ecke, dass die NFL hier von Anfang an mitgeplant hat. Das Tottenham Hotspur Stadium war das erste Stadion außerhalb der USA, das speziell auch für NFL-Spiele konzipiert wurde. Offiziell trägt es den Titel „Home of the NFL“ im Vereinigten Königreich.
Das ausfahrbare NFL-Kunstrasenfeld liegt unter dem eigentlichen Fußballrasen. Dazu kommen eigene Locker Rooms, medizinische Einrichtungen und Medienbereiche. Die Partnerschaft läuft noch bis 2030. Kurzum: ein Football-Tempel mitten in Europa.
Bevor es richtig losging, gab es noch ein schnelles Mittagessen, denn so ein Gameday wird lang.
🎙️ Podcast-Tipp: Unsere neue Folge zum London Game ist bewusst knackig. Man wollte uns den Spot auf der Tribüne nicht länger geben, was wir verständlicherweise akzeptiert haben. Hier geht’s zur Folge:
Atmosphäre: Heimspiel für die Eagles
Wie schon in der Stadt gehörte auch das Stadion den Eagles. Wohin man schaute, sah man Grün. Die häufigsten Namen auf den Trikots waren Barkley, Dawkins und Kelce.
Das spiegelte sich auch im Spielverlauf wider: Buhrufe für die Jags, Jubel für die Eagles. Von einem Jaguars-Heimspiel war keine Spur. Vor 61.322 Zuschauern hatten es die „Gastgeber“ lautstark schwer.
Das Spiel: Ein Krimi bis zur letzten Sekunde
Die Jaguars starteten stark. Trevor Lawrence fand Parker Washington bei einem Bootleg nach rechts über die Mitte, und Washington lief nach einem Pass über kurze Distanz 51 Yards zum Touchdown. Die Eagles antworteten allerdings prompt. Nachdem Travis Hunter bei 3rd-and-goal eine Pass Interference kassiert hatte, glich Philadelphia durch Shipley zum 7:7 aus. Kurz vor der Pause gingen die Eagles erneut in Führung und nahmen ein 14:7 mit in die Kabine.
Die zweite Halbzeit war lange ein zäher Abnutzungskampf. Die Eagles-Defense um Jalen Carter (zwei Sacks, zwei Forced Fumbles) setzte Lawrence mächtig unter Druck, und die Eagles ließen auf dem Boden gerade einmal 22 Rushing Yards zu. Die Jaguars verpassten zudem in der Red Zone mehrfach die Chance, Zählbares zu produzieren. Lawrence scheiterte bei 4th-and-goal von der 5-Yard-Linie.
Dann kam der Schlussspurt:
- Die Defense stoppt Philadelphia: DaVon Hamilton hielt Shipley bei 4th-and-1 an der eigenen 37 auf.
- Der Touchdown: Drei Spielzüge später verwandelte Lawrence bei 4th-and-5 einen Pass auf Parker Washingtonzum 27-Yard-Touchdown (16:14 für Jacksonville, 3:20 Minuten vor Schluss). Es war Washingtons zweiter Touchdown des Tages.
- Der Rückschlag: Cam Littles Extra Point ging links vorbei, was sich bitter rächen sollte.
- Das Field Goal der Eagles: Jake Elliott traf 8 Sekunden vor Schluss aus 48 Yards zum 17:16 für Philadelphia.
Das Spiel schien entschieden. Doch dann folgte der Moment, von dem man noch lange sprechen wird: Ameer Abdullah trug den Kickoff 53 Yards zurück und brachte die Jaguars in Field-Goal-Reichweite. Weil der Long Snapper Ross Matiscik verletzt ausgeschieden war, musste Nose Tackle DaVon Hamilton den Ball für ein 57-Yard-Field-Goal snappen. Logan Cooke hielt, Cam Little traf, und die Jaguars gewannen mit 19:17 und auslaufender Uhr.
Lawrence beendete die Partie mit 24 von 39 Pässen für 331 Yards, zwei Touchdowns (beide auf Washington) und einer Interception. Jalen Hurts kam auf 21 von 40 Pässen für 220 Yards und einen Touchdown. Für die Eagles war es die dritte Niederlage in Folge (2-3), die Jaguars verbesserten sich auf 4-1.
Nach dem Spiel: Pressekonferenz mit Liam Coen, Trevor Lawrence und Cam Little
Liam Coen: „It ain’t pretty, but it’s gritty“
Jaguars-Head-Coach Liam Coen sprach von Mental Toughness und davon, dass genau das die Woche über das Thema gewesen sei: den Kurs halten. Es sei kein sauberes Spiel gewesen, mit vielen Penalties und fehlender Effizienz in der Red Zone. Dazu hätten sie die Eagles zu oft bei 3rd-and-long vom Haken gelassen. Insgesamt habe es sich um ein „komisches Vibe-Spiel“ gehandelt. Insgesamt wurden 20 Strafen gezählt.
Seine Mannschaft habe trotzdem die Ruhe bewahrt: „Niemand hat gezuckt, niemand hat geblinzelt, niemand hat die Schuld bei anderen gesucht.“ Das Team sei zwar talentiert, aber vor allem zäh. Sein Fazit: Hässlich, aber kämpferisch.
Besonders hob Coen drei Spieler hervor:
- Ameer Abdullah: Der Veteran sei einer der Ersten im Trainingszentrum, habe im Frühjahr vier oder fünf Stimmen für die Captain-Wahl bekommen und sei ein hervorragender Teamkollege. Dass ausgerechnet er den entscheidenden Return brachte, sei verdient.
- DaVon Hamilton und Logan Cooke: Hamilton snappe nur selten, meist im Walkthrough, und Cooke gehöre zu den besten Athleten im Team, was Hand-Augen-Koordination angehe. Beide seien „massiv“ gewesen.
- Parker Washington: Er sei bei jedem Ballkontakt eine Gefahr und habe in den kritischen Momenten geliefert.
Auch den Gegner würdigte Coen. Die Eagles seien eine Super-Bowl-Mannschaft von vor zwei Jahren und ein Playoff-Team des Vorjahres, die zudem mit Nick Sirianni perfekt eingestellt gewesen seien. Seine Schlussfolgerung: 4-1 ist 4-1.



Trevor Lawrence: „Eines der verrücktesten Spiele“
Trevor Lawrence nannte die Partie eines der verrücktesten Spiele, an denen er je beteiligt war, und das, obwohl er schon einige wilde erlebt habe. Das Spiel sei nie vorbei, und genau das mache diesen Sport so besonders. Es hätten viele Dinge zusammenkommen müssen, vor allem der Glaube der Kickoff Return Unit.
Auf seine Frustration im Schlussviertel angesprochen, räumte er ein, dass er dort „ein bisschen den Verstand verloren“ habe. Seine Wut richtete sich aber nicht gegen die Lautstärke, sondern gegen sich selbst. Er müsse in der Huddle schneller den Play Call durchbringen, damit sie nicht ständig gegen die Play Clock arbeiten. Seine Anmerkung mit einem Augenzwinkern: Er habe gedacht, das hier sei ein Heimspiel für die Jaguars, aber die Fans mochten wohl lieber die Eagles.
Zur London-Verbindung sagte er, er habe als Kind nie gedacht, einmal in London Football zu spielen. Normalerweise hätten die Jaguars deutlich mehr Fans in der Stadt, so einseitig sei es noch nie gewesen. Die Atmosphäre sei aber trotzdem großartig gewesen.
Der Gedanke an die Schlusssekunden: Als die Eagles das Field Goal trafen, habe er schon auf der Seitenlinie Desperation Plays studiert. Dass Hamilton dann als Snapper für einen 57-Yarder einspringen musste, sei „nicht zu erfinden“.
Zum Thema Washington gab es eine klare Ansage: Das Team betrachte ihn längst als Elite-Receiver, alle anderen würden es noch lernen.
Cam Little: Vom Fußballer zum Helden von London
Der Mann des Tages war Cam Little, und er erschien im Ronaldo-Trikot zur Pressekonferenz. Schnell ging es weniger um Football als um Fußball. Little ist Manchester-United- und Premier-League-Fan. Er habe als Kind jeden Samstagmorgen die Spiele geschaut, Fußball gespielt von 5 bis 16 Jahren und mit fast 17 zum ersten Mal einen Football angefasst. Bei seinem Kick im Tottenham Stadium sei ihm deshalb vorgekommen, als hätte er sein Ziel, Profi-Fußballer zu werden, doch noch erreicht. Es war für ihn der coolste Moment seiner Karriere und sein erster Walk-off-Game-Winner außerhalb der Overtime.
Die Situation verglich er mit einem Elfmeterschießen: Als fünfter Schütze könne man alles entscheiden, müsse aber die Ruhe bewahren. Im Training übe er ohnehin nur Standardsituationen. Gejubelt habe er dann mit einem Augenzwinkern nach dem Vorbild von Bellingham. Und wie sehr ihn der Fußball prägt, zeigte ein Detail aus der Kindheit: Fünf Jahre lang habe ein Fat Head von Wayne Rooney in seinem Zimmer gehangen.
Den verschossenen Extra Point hakte er mit einem Kurzzeitgedächtnis ab. Er sei froh gewesen, dass danach ein Field Goal anstand, das drei Punkte zählt. Sein Leitsatz stammt von Coen: „Be at your best when the best is required.“
Ausblick: Houston wartet
Für die Jaguars bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Sie bleiben in London und empfangen am nächsten Sonntag die Houston Texans im Wembley Stadium. Lawrence kündigte an, das Spiel am Montag kurz aufzuarbeiten, die Houston-Vorbereitung zu starten und am Dienstag frei zu machen.
Die Eagles dagegen müssen nach drei Niederlagen in Folge ihre Schlüsse ziehen.
Mein Fazit
NFL London in Kombination mit einem Besuch im Old Trafford hat das Wochenende zu einem rundum coolen Sport-Trip gemacht. Manchester ist als Stadt keine Augenweide, aber das Old Trafford muss man einmal besucht haben. Hier steckt so viel Geschichte drin, und wer weiß, wie lange es noch möglich ist. Und ja, Tottenham ist sowieso in den Top 5 meiner Lieblingsstadien.
Für mich ist London damit erst einmal abgehakt, für COUCH QUARTERBACK aber noch lange nicht: Nächste Woche ist Julian im Wembley Stadium vor Ort, wenn die Jaguars die Houston Texans empfangen. Es lohnt sich also, wieder reinzuschauen.
Mein nächster Stopp ist Paris. Stay tuned, der NFL-Tross zieht weiter.
LFG!