
Stell dir vor, deine Mannschaft liegt drei Punkte zurück, nur noch wenige Sekunden sind auf der Uhr und der Ball liegt an der gegnerischen 43-Yard-Linie zum Field Goal bereit.
Der Kicker tritt an, verwandelt aus 60 Yards – und statt die Partie in die Verlängerung zu schicken, gewinnt dein Team das Spiel.
Was heute noch unmöglich ist, könnte in Zukunft Realität werden.
Denn nachdem die UFL in dieser Saison erfolgreich ein Vier-Punkte-Field-Goal für Kicks aus mindestens 60 Yards getestet hat, wird auch in der NFL wieder über eine mögliche Regeländerung diskutiert. Einen offiziellen Vorschlag gibt es zwar noch nicht, doch Spieler, Trainer und sogar Hall-of-Famer beschäftigen sich bereits mit der Frage: Wäre das eine sinnvolle Weiterentwicklung des Spiels?
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Die UFL macht es vor
Die United Football League führte zur Saison 2026 eine neue Regel ein: Wer ein Field Goal aus mindestens 60 Yards verwandelt, erhält vier statt drei Punkte.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Nachdem im Vorjahr kein einziger Versuch aus dieser Distanz erfolgreich war, verwandelten die Kicker in dieser Saison acht ihrer 14 Versuche – darunter sogar vier von vier in den Playoffs.
Die Regel belohnt nicht nur außergewöhnliche Kicker, sondern sorgt auch dafür, dass Teams häufiger bereit sind, einen langen Versuch zu wagen.
Auch in der NFL werden Kicker immer besser
Vor einigen Jahren galten Field Goals aus mehr als 60 Yards noch als absolute Ausnahme. Inzwischen gehören sie fast zum Alltag.
Allein in der vergangenen NFL-Saison wurden 22 Field Goals aus mindestens 60 Yards versucht – so viele wie nie zuvor. Zwölf davon fanden den Weg zwischen die Stangen, eine Erfolgsquote von 55 Prozent.
Besonders eindrucksvoll war Jaguars-Kicker Cam Little, der mit einem 68-Yard-Field-Goal einen neuen NFL-Rekord aufstellte. Cowboys-Kicker Brandon Aubrey hat in seinen ersten drei NFL-Spielzeiten bereits sechs erfolgreiche Field Goals aus mindestens 60 Yards erzielt – ebenfalls Ligabestwert.
Kein Wunder also, dass die Diskussion über eine Anpassung der Regeln zunehmend Fahrt aufnimmt.
Viele Spieler finden die Idee spannend
Unter Spielern und Trainern stößt die mögliche Regeländerung durchaus auf Interesse.
Jaguars-Headcoach Liam Coen würde ein Vier-Punkte-Field-Goal begrüßen und glaubt, dass dadurch zusätzliche Spannung entstehen könnte. Lions-Kicker Jake Bates hält die Idee ebenfalls für reizvoll, da sich lange Versuche dadurch deutlich mehr lohnen würden.
Auch Commanders-Kicker Jake Moody kann dem Konzept einiges abgewinnen. Er vergleicht die mögliche Entwicklung mit der Einführung der Drei-Punkte-Linie im Basketball. Sollte die Regel kommen, würden Kicker noch intensiver an ihrer Reichweite arbeiten und Teams vermutlich deutlich häufiger lange Versuche wagen.
Unterstützung erhält die Idee sogar aus der Hall of Fame. Colts- und Patriots-Legende Adam Vinatieri bezeichnete ein Vier-Punkte-Field-Goal als interessante Weiterentwicklung des Spiels. Da Kicker heute aus Distanzen treffen, die früher kaum vorstellbar gewesen seien, könne eine solche Regel durchaus zeitgemäß sein.
Es gibt aber auch Kritik
Ganz überzeugt sind allerdings nicht alle.
Cowboys-Kicker Brandon Aubrey sieht vor allem taktische Probleme. Seiner Meinung nach könnten Teams künftig sogar bewusst darauf spielen, an einer bestimmten Stelle des Feldes stehenzubleiben, um einen Vier-Punkte-Versuch zu erhalten. Dadurch würde sich das Playcalling rund um die Mittellinie grundlegend verändern.
Auch Rekordhalter Cam Little steht der Idee eher zurückhaltend gegenüber. Zwar würde ein besonders kräftiger Kicker von der Regel profitieren, gleichzeitig wünsche er sich aber, dass die NFL ihre traditionellen Spielregeln nicht ständig verändert.
Noch deutlicher äußert sich Hall-of-Famer Jan Stenerud. Für ihn sollten Punkte davon abhängen, wie weit eine Offense den Ball über das Feld bewegt – nicht davon, wie weit ein Kicker schießen kann. Ein längeres Field Goal höher zu bewerten, widerspreche diesem Grundgedanken des Footballs.
Kommt die Regel wirklich?
Derzeit gibt es keinen offiziellen Antrag für ein Vier-Punkte-Field-Goal. Nach Angaben der NFL wurde die Idee zwar bereits mehrfach angesprochen, schaffte es bislang jedoch nie bis zu einer Abstimmung im Competition Committee.
Ganz vom Tisch scheint das Thema dennoch nicht zu sein.
Schließlich zeigte bereits die Einführung des neuen Kickoff-Systems, dass die NFL erfolgreiche Ideen aus der UFL durchaus übernimmt, wenn sie das Spiel verbessern können.
Meinung von der Couch
Ich muss zugeben: Die Idee hat ihren Reiz.
Allerdings kann ich auch die Bedenken von Cowboys-Kicker Brandon Aubrey nachvollziehen. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass sich rund um die 60-Yard-Marke merkwürdige Spielsituationen entwickeln. Teams könnten bewusst darauf spielen, nicht näher an die Endzone heranzukommen, um stattdessen einen Vier-Punkte-Field-Goal-Versuch zu bekommen. Das würde die eigentliche Idee des Footballs – möglichst viele Yards zu gewinnen – ein Stück weit auf den Kopf stellen.
Wenn die NFL eine solche Regel tatsächlich einführen möchte, würde ich sie deshalb etwas anders gestalten. Ein Vier-Punkte-Field-Goal sollte erst möglich sein, wenn die Offense den Ball z.B. mindestens bis an die gegnerische 30-Yard-Linie gebracht hat. Erst dann dürfte sich ein Team bewusst dafür entscheiden, für einen Versuch aus mindestens 60 Yards zurückzugehen. So würde eine erfolgreiche Offense belohnt, gleichzeitig müsste der Head Coach aber abwägen, ob sich das zusätzliche Risiko für einen möglichen vierten Punkt wirklich lohnt.
Dadurch bliebe das Ziel bestehen, den Ball möglichst weit nach vorne zu bewegen, ohne dass Teams schon weit vor der Red Zone anfangen würden, ihre Drives bewusst auf eine bestimmte Kickdistanz auszurichten.
Am Ende bleibt die spannende Frage: Soll die NFL außergewöhnliche Kicker noch stärker belohnen oder den traditionellen Wert eines Field Goals beibehalten?
Fest steht: Wenn sich die Entwicklung der Kicker so fortsetzt wie in den vergangenen Jahren, dürfte diese Diskussion früher oder später auch in der NFL ernsthaft auf den Tisch kommen. Und ehrlich gesagt: Ich hätte nichts dagegen, wenn die Liga zumindest einmal mit dieser Idee experimentieren würde.