Der Pro Bowl verliert sein Spiel – die Auszeichnung für die 88 besten Spieler der Saison bleibt jedoch bestehen.
Der Pro Bowl verliert sein Spiel – die Auszeichnung für die 88 besten Spieler der Saison bleibt jedoch bestehen. | Quelle: IMAGO / Newscom World

Die NFL zieht einen Schlussstrich unter eines der unbeliebtesten Kapitel ihres Kalenders. Wie die Liga den Teambesitzern am Mittwoch mitteilte, wird es künftig kein eigenständiges Pro Bowl Game mehr geben – weder als klassisches Tackle-Format noch als Flag-Football-Variante. Die Auszeichnung „Pro Bowler“ bleibt zwar bestehen, verliert aber ihr Herzstück: das Spiel selbst. Nach Jahren des Herumdokterns an einem Format, das nie wirklich funktioniert hat, ist das eine überfällige und richtige Entscheidung.

Was sich konkret ändert

Anstelle von Skills Competitions oder eines Flag-Football-Games erhalten künftig 88 Spieler die Pro-Bowl-Ehrung – ganz ohne Nachrücker. Der Auswahlprozess selbst bleibt unverändert: Fans, Spieler und Coaches stimmen weiterhin zu gleichen Teilen über die Besetzung auf Offense, Defense und Special Teams in beiden Conferences ab. Statt eines TV-Events wird es im Februar eine Feier in Los Angeles geben, bei der die ausgewählten Spieler persönlich geehrt werden.

Damit verschiebt die NFL den Fokus bewusst weg vom sportlichen Wettkampf hin zur reinen Würdigung der Saisonleistung. NFL-Funktionär Peter O’Reilly begründete den Schritt damit, dass es beim Pro Bowl im Kern immer um die Ehrung der Besten der Besten gehen solle – nicht um Ersatzspieler, die ohnehin nie den Charakter des Events geprägt hätten.

Die Alternates hatten die Ehre längst entwertet

Der eigentliche Auslöser für das Umdenken war das Alternates-Problem. Über Jahre hatten Absagen prominenter Spieler dazu geführt, dass immer weitere Nachrücker ins Aufgebot rutschten – bis die Auszeichnung ihren Wert verlor. 1998 fehlten in Honolulu gerade einmal sieben der ursprünglich gewählten Spieler. Zwanzig Jahre später, 2018 in Orlando, waren es bereits 35.

Besonders deutlich wurde das Problem zuletzt bei Fällen wie Baltimore-Backup Tyler „Snoop“ Huntley, der 2023 trotz nur vier Starts als vierter Alternate in den Pro Bowl rutschte, oder Cleveland-Rookie Shedeur Sanders, der in der vergangenen Saison als sechster Nachrücker nominiert wurde – statistisch einer der schwächsten Quarterbacks der Liga. NFL-Funktionär Troy Vincent Sr. brachte es in Gesprächen mit Topspielern wie Jalen Hurts, Jalen Ramsey und George Kittle auf den Punkt: Wenn man den Kompromiss immer wieder wiederholt, wird er irgendwann zum Standard – und genau das wollten die Spieler nicht mehr hinnehmen.

The NFL saw Shedeur Sanders in the pro bowl and immediately got rid of it 😭 pic.twitter.com/SvCGbONxkM

— Ryan Linkletter (@blitzlink_) August 26, 2026

Vom Hawaii-Traum zum Karrierefußnote

Wer sich fragt, warum der Pro Bowl überhaupt einmal Prestige hatte, muss zurück ins vergangene Jahrzehnt schauen. Bis 2015 fand das Spiel traditionell auf Hawaii statt – und genau das machte für viele Spieler den Reiz aus. Ex-NFL-Profi Björn Werner erklärte in seinem Podcast „Football Bromance“ mehrfach, dass eine Pro-Bowl-Teilnahme damals faktisch einen von der Liga bezahlten Familienurlaub im Paradies bedeutete. Mit dem Umzug des Spiels nach Orlando im Jahr 2016 verschwand dieser Anreiz – und mit ihm ein gutes Stück der Attraktivität für die Spieler.

#TBT – Tom Brady & Peyton Manning at the 2005 Pro Bowl: pic.twitter.com/pJAOHpKdzR

— New England Patriots (@Patriots) November 21, 2013

Nie ein echtes All-Star Game

Anders als etwa das All-Star Game der NBA hatte der Pro Bowl nie wirklich den Charakter eines echten Showcase-Events. Das lag schon strukturell daran, dass die Spieler der beiden Super-Bowl-Teams traditionell fehlten – und in späteren Jahren häuften sich zusätzlich die Absagen weiterer Topspieler. Sportlich hinterließ das Spiel dabei ohnehin gemischte Eindrücke: Frühe Ausgaben lieferten noch legendäre Momente wie den Hit von Sean Taylor gegen Punter Brian Moorman bei einem Fake Punt 2007, der bis heute in nahezu jedem NFL-Highlight-Reel auftaucht. Gegen Ende der regulären Spielformate war davon aber kaum noch etwas übrig – Defense und körperlicher Einsatz fehlten zusehends, das Niveau erinnerte streckenweise eher an High-School-Football.

It's a perfect time to remember Sean Taylor's MONSTER hit in the Pro Bowl. 🔨

(via @NFLLegacy)pic.twitter.com/CjmK44KvdZ

— theScore (@theScore) August 26, 2026

Der Umweg über Flag Football

2022 versuchte die Liga es mit einem Neustart: Skills Competitions kombiniert mit einem Flag-Football-Game sollten neuen Schwung bringen – auch mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, bei denen Flag Football erstmals olympisch wird. Doch auch dieses Format zündete nicht wirklich. Der letzte Versuch, das Event in der vergangenen Saison auf einen Dienstag in der Super-Bowl-Week zu verlegen, scheiterte ebenfalls deutlich: Die Zuschauerzahlen brachen von zuletzt bis zu 6,7 Millionen auf nur noch rund 2 Millionen ein.

Mein Fazit

Auch wenn quasi alles, was aus der Feder der NFL stammt, von den Fans verschlungen wird – beim Pro Bowl war das schon lange nicht mehr der Fall. Das Format hatte sich selbst überlebt, und die Häufung fragwürdiger Nachrücker-Nominierungen hat der Auszeichnung zuletzt mehr geschadet als genützt. Dass die Liga die reine Ehrung nun beibehält, finde ich dennoch richtig – allein schon für Statistiken und Geschichtsbücher sollte ein Pro-Bowl-Eintrag weiterhin etwas zählen.

Wer trotzdem Pro-Bowl-Nostalgie sucht, dem empfehle ich einen Blick in die Archive: Die alten Skills-Competition-Videos aus den frühen 2000ern mit Peyton Manning, Tom Brady, Drew Brees und Co. in viel zu großen Trikots und heute fast schon komisch wirkenden Outfits versprühen einen Charme, den das Event in den letzten Jahren nie wieder erreicht hat.