
Der Schedule Release ist durch, die großen Draft-Picks sind gemacht, die Free Agency weitgehend abgehandelt. Auf dem ersten Blick herrscht Sommerpause. Auf den zweiten gibt es mehr offene Fragen in der NFL-Offseason als nach einem Wild-Card-Weekend.
Die meisten Kader stehen nahe am 90-Mann-Limit, die freiwilligen OTAs haben begonnen – und bis die Pads in den Training Camps im Juli klacken, wird noch eine Menge passieren. Oder eben nicht passieren, was manchmal genauso bedeutsam ist. Ein Blick auf die Storylines, die die nächsten Wochen bestimmen werden.
Aaron Rodgers und die Steelers: Das Spiel geht in Verlängerung
Zum zweiten Mal in Folge hängen die Pittsburgh Steelers in der Luft, weil Aaron Rodgers sich nicht entscheiden kann – oder will. Er hat das Team am Wochenende besucht, aber unterschrieben hat er nicht. Für eine Franchise, die gerade ihren Head Coach ausgetauscht hat – Mike McCarthy übernimmt von Mike Tomlin –, ist das keine komfortable Ausgangslage.
Dabei ist die Logik der Steelers nachvollziehbar: Rodgers kennt McCarthy aus gemeinsamen Jahren in Green Bay. Er wird im Dezember 43. Aber Pittsburgh glaubt, dass er ihnen noch helfen kann, den AFC North zu gewinnen und die Playoffs zu erreichen – nach dem Wild-Card-Aus letzte Saison. Owner Art Rooney hatte sich eine Entscheidung rund um den Draft erhofft. Stattdessen wartet das Team weiter.
Der erste freiwillige Trainingstag ist der 18. Mai. Rodgers könnte bis dahin Klarheit schaffen – muss er aber nicht. Vergangenes Jahr ließ er sich bis zum obligatorischen Minicamp im Juni Zeit. Die Steelers haben mit Mason Rudolph, Will Howard und dem Drittrunden-Pick Drew Allar Alternativen. Aber eine Entscheidung ist das noch nicht.
A.J. Brown: Abgang in Zeitlupe
Dass A.J. Brown die Eagles verlassen will, ist kein Geheimnis mehr. Der Dreifach-Pro-Bowler und frischgebackene Super-Bowl-Champion hatte seine Unzufriedenheit öffentlich gemacht – und der Eindruck war: dieser Sommer ist der Sommer, in dem es passiert.
Die Vertragsstruktur macht einen Trade voraussichtlich erst nach dem 1. Juni sinnvoll. Als wahrscheinlichstes Ziel gilt New England, wo er neben Quarterback Drake Maye eine wichtige Rolle in der Entwicklung des jungen Patriots-Offensivkonstrukts spielen könnte. Für die Eagles bedeutet das: einen der besten Receiver der Liga abgeben – und hoffen, dass der Super-Bowl-Titel das etwas leichter macht.
Anthony Richardson: Was macht Indianapolis?
Vor fünf Jahren haben die Colts Anthony Richardson mit dem vierten Pick gedraftet. Heute gehört er zu den unklarsten Situationen der Liga.
Langsame Entwicklung, Verletzungen, Fragen zur Professionalität – und dann die unerwartete Rückkehr von Daniel Jones letzte Saison, die Richardson faktisch überflüssig gemacht hat. Er hat einen Trade beantragt, aber die Colts haben keinen Abnehmer gefunden. Die Teams, die einen jungen Backup-Quarterback gebrauchen konnten, haben ihre Entscheidungen größtenteils getroffen.
Die Frage ist jetzt eine andere: Entlassen die Colts Richardson, damit er sich woanders als Training-Camp-Kandidat beweisen kann? Oder behalten sie ihn als Versicherung für Jones, der nach einem Achillessehnenriss auf einen Start in Week 1 hinarbeitet? Beides hat seine Logik. Einen sauberen Ausweg gibt es nicht.
Brandon Aiyuk: Stillstand mit Ablaufdatum
General Manager John Lynch hat öffentlich gesagt, dass Aiyuk sein letztes Spiel für die 49ers gespielt hat. Und trotzdem ist Aiyuk noch auf dem Roster. Der Draft kam und ging – kein Trade, kein Release. Der Stillstand hält an.
Die Gemengelage ist verwirrend. Aiyuk hatte während seiner Reha nach einer Knieoperation das Team verlassen – woraufhin San Francisco alle Garantien aus seinem 120-Millionen-Vertrag von 2024 nichtig erklärte. Das bedeutet: Die Niners sind in keiner Eile. Sie müssen nichts tun, solange sie nicht wollen.
Aiyuk soll es zu den Washington Commanders ziehen, wo sein ehemaliger College-Mitspieler Jayden Daniels spielt. Aber Commanders-GM Adam Peters – früher selbst bei den 49ers – will keine Draft-Picks opfern. Beide Seiten warten. Wann das endet, ist offen. Dass es bis zum Training Camp irgendwie geklärt sein muss, liegt nahe – aber selbst das ist nicht garantiert.
Comeback-Kandidaten: Wenn OTAs zur Nebenbühne werden
Während die regulären Practices laufen, arbeiten sich mehrere prominente Spieler abseits der Hauptfelder zurück. Patrick Mahomes nach seiner Verletzung, Daniel Jones mit dem Achillessehnenriss, Micah Parsons bei den Packers und Malik Nabers bei den Giants – sie alle sind in der Phase, in der noch kein grünes Licht für die Teilnahme am Teambetrieb vorliegt, aber die Vorbereitung auf das Training Camp läuft.
Für Mahomes gilt: Solange er fit ist, sind die Chiefs Favorit auf alles. Für die anderen drei wird die erste Trainingscamp-Woche zu einem frühen Gradmesser, wie weit sie wirklich sind.
Noch auf dem Markt: Die Restliste der Free Agency in der NFL-Offseason
Free Agency ist nie wirklich vorbei – sie verlangsamt sich nur. In den kommenden Wochen werden weitere Veteranen landen, die noch keinen Vertrag haben. Darunter: die Receiver Deebo Samuel und Stefon Diggs, Pass Rusher wie Jadeveon Clowney, Cam Jordan und Joey Bosa, Tight End Jonnu Smith sowie Quarterback Russell Wilson.
Einige davon werden sich in Training Camps beweisen müssen, andere bekommen vielleicht noch einen soliden Ein-Jahres-Deal. Dass Namen wie Diggs und Samuel noch verfügbar sind, sagt einiges über die aktuelle Marktsituation – aber auch über die Art von Risiken, die Teams nicht mehr eingehen wollen.
18 Spiele: Die Frage, die nicht verschwindet
Im Hintergrund läuft eine Debatte, die in den nächsten Jahren entscheidend werden könnte: die Erweiterung der Regular Season auf 18 Spiele. Mehrere Owner haben öffentlich davon gesprochen, als sei es eine Frage des Wann, nicht des Ob.
Aktuell läuft das sechste Jahr mit 17 Spielen. Der Collective Bargaining Agreement gilt bis 2030 – aber die Owners wollen nicht so lange warten. Das Problem: Der NFLPA hatte zuletzt genug mit der eigenen Suche nach einem neuen Executive Director zu tun. Mit JC Tretter ist der jetzt gefunden. Tretter und Commissioner Roger Goodell haben sich kurz getroffen. Verhandlungen über die Saison-Erweiterung haben aber noch nicht begonnen.
Das wird sich ändern. Die Frage ist, wie schnell – und was die Spieler dafür verlangen werden.
Bis September sind es noch ein paar Monate. Aber die Offseason hat selten wirklich eine Pause. Zu viele Fäden hängen noch in der Luft – und die meisten davon werden in den nächsten sechs Wochen irgendwie enden.