
Der NFL Draft 2026 ist durch. 257 Picks, sieben Runden, drei Tage Football-Zukunft. Und wie fast jedes Jahr fühlt sich direkt danach vieles gleichzeitig eindeutig und komplett offen an. Einige Teams haben klare Needs sauber abgearbeitet. Andere haben früh Spieler genommen, bei denen man zumindest kurz zurück spulen musste. Und mittendrin gab es aus deutscher Sicht einen echten Hammer: Marlin Klein wurde von den Houston Texans in der zweiten Runde an Pick 59 gedraftet.
Für alle, die den Draft nicht komplett verfolgt haben: Das war kein Draft, der von einer tiefen Quarterback-Klasse dominiert wurde. Stattdessen standen vor allem die Trenches, Defensive Backs, Tight Ends und eine auffällig breite Receiver-Gruppe im Mittelpunkt. In den ersten drei Runden gingen 17 Wide Receiver vom Board – ein Rekordlauf, der zeigt, wie aggressiv Teams inzwischen nach Playmakern suchen.
Der große Trend: Tiefe an der Line, Fragezeichen bei Quarterbacks
Der Draft 2026 war vor allem ein Draft für Teams, die an der Line of Scrimmage investieren wollten. Neun Offensive Linemen gingen in Runde eins, dazu kamen zahlreiche Edge Rusher und Defensive Tackles in den ersten beiden Tagen. Das passt zur Entwicklung der Liga: Alle reden über explosive Offenses, aber ohne Protection und ohne Pass Rush bleibt vieles Theorie.
Gleichzeitig war diese Quarterback-Klasse nicht die große Headliner-Gruppe. Fernando Mendoza ging zwar an Position eins zu den Raiders, danach wurde es aber schnell komplizierter. Die Rams sorgten mit Ty Simpson an Pick 13 für einen der größten Aufreger der ersten Runde. Der Pick war früh, sehr früh – vor allem für ein Team, das mit Matthew Stafford noch im Win-now-Fenster steckt.
Aus Rams-Sicht ist die Logik erkennbar: Stafford wird nicht ewig spielen, Simpson kann hinter einem erfahrenen Starter lernen, Sean McVay bekommt seinen potenziellen Quarterback der Zukunft – wirkte dabei in den Pressekonferenzen nach dem Draft aber nicht durchgehend überzeugt. Trotzdem bleibt die Frage, ob Los Angeles an dieser Stelle nicht besser einen sofortigen Unterschiedsspieler für Stafford genommen hätte. Wide Receiver Makai Lemon oder Tight End Kenyon Sadiq wären aus rein kurzfristiger Perspektive deutlich naheliegender gewesen.
Die Makai-Lemon-Story
Eine der kuriosesten Geschichten dieses Drafts lieferte der Trade der Eagles, um den Steelers Makai Lemon wegzuschnappen.
Der Receiver galt für viele als einer der besten Playmaker der Klasse und war entsprechend früh auf den Boards eingeplant – fiel dann aber etwas im Draft, nachdem bereits zwei Receiver vor ihm gegangen waren. Als sich das Board in Richtung der 20er-Picks bewegte, verdichtete sich die Lage: Die Pittsburgh Steelers standen kurz davor, ihn zu ziehen – und waren bereits mit Lemon am Telefon, um ihm den Pick mitzuteilen.
Alles lief nach Plan. Bis es das plötzlich nicht mehr tat.
Während Lemon noch mit den Steelers sprach, nutzten die Philadelphia Eagles genau dieses Zeitfenster. Sie handelten kurzfristig einen Trade mit den Dallas Cowboys aus, zogen im Draft vor Pittsburgh – und pickten Lemon selbst.
Die Folge: Lemon erfuhr von seiner Auswahl zu den Eagles, während er noch am Telefon mit den Steelers war. Gleichzeitig versuchten die Eagles, ihn zu erreichen – kamen aber zunächst nicht durch, weil die Leitung noch besetzt war.
Eine Szene, die es so selbst im durchgetakteten Draft-Prozess selten gibt.
Sportlich ergibt der Pick für Philadelphia ebenfalls Sinn. Im Hintergrund steht die Situation um A.J. Brown, bei dem vieles darauf hindeutet, dass er das Team zeitnah per Trade verlassen könnte. Mit Lemon holen sich die Eagles frühzeitig einen potenziellen Nachfolger – und sichern sich gleichzeitig einen der talentiertesten Receiver des Drafts zu einem vergleichsweise günstigen Spot.
Die zweite Ebene macht die Geschichte aber noch spannender: Die Cowboys ermöglichen als Division-Rivale genau diesen Move – und helfen den Eagles indirekt dabei, einen potenziellen Difference-Maker zu bekommen.
Wenn Lemon einschlägt, wird man sich in der NFC East ziemlich sicher an diesen Moment erinnern.
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Gewinner des Drafts: Cowboys, Raiders, Panthers, Texans
Der offensichtlichste Gewinner sind die Dallas Cowboys. Caleb Downs an Pick 11 war einer der besten Values der ersten Runde. Downs galt vielen als einer der besten Spieler der gesamten Klasse, fiel aber wegen Positionswert und Draft-Dynamik aus der Top 10. Dallas tradete einen Spot hoch und bekam einen Safety, der sofort eine Defense verändern kann.
Was Downs so spannend macht: Er ist kein klassischer tiefer Safety, den man nur absichern lässt. Er kann in der Box spielen, im Slot verteidigen, blitzen, Tackles setzen und Calls übernehmen. In einer modernen Defense ist das fast mehr Werkzeugkasten als Positionsbezeichnung. Genau deshalb passt er so gut zu den Cowboys.
Auch die Las Vegas Raiders gehören zu den Gewinnern. Natürlich hilft es, den ersten Pick zu haben. Aber Las Vegas hat nicht nur mit Mendoza die wichtigste Position adressiert, sondern auch die Secondary aggressiv umgebaut. Jermod McCoy in Runde vier ist ein klassischer Risiko-Value-Pick: Verletzungshistorie, aber enormes Talent. Wenn er gesund wird, kann dieser Pick in ein paar Jahren deutlich zu spät wirken.
Die Carolina Panthers haben ebenfalls einen sehr sauberen Draft hingelegt. Monroe Freeling gibt ihnen Flexibilität und Upside an Offensive Tackle, Lee Hunter stärkt die Defensive Line, Chris Brazzell II gibt Bryce Young eine weitere Option. Carolina wirkt endlich wie ein Team, das nicht nur Symptome behandelt, sondern die Struktur um seinen Quarterback verbessern will.
Und dann sind da die Houston Texans. Kayden McDonald war in Runde zwei einer der besten Fits des Drafts. Houston hatte ohnehin schon eine starke Defensive Front, bekommt mit McDonald aber noch mehr Masse, Physis und Kontrolle gegen den Lauf. Genau solche Picks machen gute Fronts unangenehm: Nicht, weil sie glamourös sind, sondern weil sie für zweite und dritte Downs sorgen, in denen die Pass Rusher jagen dürfen.
Marlin Klein: Warum Pick 59 so bemerkenswert ist
Aus deutscher Sicht ist Marlin Klein natürlich die Story des Drafts. Der Tight End aus Köln wurde an Pick 59 genommen – also nicht als spätes Projekt, sondern als echter Day-2-Pick.
Das ist deshalb bemerkenswert, weil Klein vor dem Draft von vielen eher als späterer Pick gesehen wurde. Seine College-Produktion war solide, aber nicht spektakulär: 24 Catches, 248 Yards und ein Touchdown in der Saison 2025. Sein Profil ist aber deutlich spannender als die Stats. Mit rund 1,98 Meter und etwa 113 Kilo bringt er NFL-Maße mit, dazu Blockstärke, Physis und genug athletisches Potenzial als Receiver.
Welcome to the H @TheMarlinklein 🤘 pic.twitter.com/9unguMxGLv
— Houston Texans (@HoustonTexans) April 25, 2026
Für Houston ergibt der Pick Sinn. Die Texans haben eine starke Basis, wollen physisch bleiben und können Klein zunächst in einer Rolle entwickeln, in der er nicht sofort 70 Targets braucht. Als Blocking Tight End mit Upside im Passing Game passt er zu einem Team, das bereits über explosive Elemente verfügt. Für Klein ist das wahrscheinlich sogar besser als ein Team, das ihn sofort als Rettungsanker im Passing Game bräuchte.
Der wichtigste Punkt: Das ist kein Feel-good-Pick. Houston hat nicht in Runde sechs einen deutschen Spieler mitgenommen, weil die Story nett ist. Die Texans haben in Runde zwei investiert. Das ist eine Ansage.
Verlierer: Jaguars, Rams – und vielleicht die Bills
Bei den Verlierern muss man vorsichtig sein, weil Draft-Klassen oft erst nach zwei oder drei Jahren wirklich bewertbar sind. Trotzdem gibt es Teams, deren Ansatz direkt schwerer zu erklären ist.
Die Jacksonville Jaguars kommen in vielen Einschätzungen schlecht weg. Sie hatten keinen Erstrundenpick und starteten ihren Draft mit Spielern, die deutlich später erwartet wurden. Wenn ein Team wenige frühe Ressourcen hat, müssen diese Picks sitzen. Bei Jacksonville wirkte es eher wie ein Board, das deutlich anders aussah als der öffentliche Konsens – was nicht automatisch falsch ist, aber das Risiko erhöht.
Die Rams sind kein kompletter Verlierer, aber Simpson an Pick 13 bleibt der diskutabelste Pick des Drafts. Nicht, weil Simpson kein Talent hat. Sondern weil der Zeitpunkt und die Kaderlage nicht sauber zusammenpassen. Wenn man den Nachfolger für Stafford unbedingt wollte, okay. Aber dann stellt sich die Frage, ob man nicht hätte runtertraden können. Value ist im Draft nicht nur der Spieler. Value ist auch der Preis.
Die Buffalo Bills kann man ebenfalls kritisch sehen. Sie warteten lange mit Receiver-Hilfe, obwohl in diesem Draft eine massive Wide-Receiver-Welle durch die ersten drei Runden lief. Wenn ein Team in dieser Phase mehrfach zurücktradet und dann erst später adressiert, was offensichtlich gebraucht wird, muss der Plan aufgehen.
Die größten Überraschungen
Neben Simpson gab es mehrere Picks, bei denen die Liga kurz gezuckt hat. Drew Allar zu den Steelers an Pick 76 war einer davon. Nicht zwingend wegen des Fits, sondern wegen der Reihenfolge. Allar ging als QB4, vor anderen Namen, die viele höher gesehen hatten. Pittsburgh sucht seit Jahren Stabilität auf Quarterback, aber dieser Pick wirkt eher wie ein weiterer Versuch als eine klare Lösung.
Auch Caleb Douglas zu den Dolphins an Pick 75 fiel auf. Er wurde deutlich früher gezogen als erwartet. Natürlich sind Team-Boards anders als Medien-Boards. Aber wenn ein Spieler klar früher geht, erhöht sich automatisch der Druck auf Coaching Staff und Scouting Department.
Die besten Fits
Einige Picks waren nicht nur gute Values, sondern auch logisch perfekte Fits.
Caleb Downs bei den Cowboys ist der offensichtlichste. Seine Vielseitigkeit passt ideal in eine moderne Defense. Er kann Nickel spielen, rotieren, in die Box kommen und trotzdem Coverage-Aufgaben übernehmen.
Rueben Bain Jr. bei den Buccaneers ist ebenfalls stark. Todd Bowles kann mit beweglichen Fronts, Blitz-Paketen und unterschiedlichen Alignments arbeiten. Genau das hilft einem Power Rusher wie Bain, der nicht der prototypische Edge ist, aber mit Kraft und Motor Spiele beeinflussen kann.
KC Concepcion bei den Browns ist einer der spannendsten Offense-Fits. Cleveland bekommt einen Receiver, der nach dem Catch gefährlich ist und sich gut in moderne Offense-Konzepte einbauen lässt.
Und Marlin Klein bei den Texans passt, weil Houston ihn nicht künstlich überfrachten muss. Er kann über Physis, Blocking und situative Targets ins Team wachsen.
Rookie of the Year Watch
Offensiv führt kaum ein Weg an Jeremiyah Love vorbei. Der Running Back ging früh vom Board und bringt das Profil eines echten Three-Down-Backs mit. Wenn er entsprechend eingesetzt wird, wird er sofort Zahlen produzieren.
Bei den Receivern sind Carnell Tate, Jordyn Tyson, Makai Lemon und KC Concepcion Namen, die man im Blick behalten sollte – vor allem dort, wo früh Targets frei sind.
Defensiv ist Caleb Downs ein klarer Kandidat. Wenn er sofort viele Snaps sieht und Plays macht, bringt er alles mit, um schnell zu einem Impact-Spieler zu werden.
Fazit: Kein glamouröser NFL Draft 2026, aber viele klare Identitäten
Der NFL Draft 2026 war vielleicht nicht der Draft mit der ganz großen Quarterback-Dramaturgie. Dafür war er ein Draft, in dem viele Teams sehr deutlich gezeigt haben, wer sie sein wollen. Dallas will die Defense neu definieren. Las Vegas baut an einem Neustart. Carolina investiert sinnvoll in Bryce Youngs Umfeld. Houston macht eine ohnehin starke Front noch unangenehmer – und holt mit Marlin Klein einen deutschen Tight End früher als fast alle erwartet hätten.
Und: Er wird auch als der Draft in Erinnerung bleiben, in dem ein Top-Receiver durch eine ungewöhnliche Draft-Situation rutschte – und bei einem Contender landete, der genau auf so einen Spieler gewartet hat.
Wie immer gilt: Draft-Grades im April sind Momentaufnahmen. Manche „Steals“ werden nie Starter. Manche vermeintlichen Reaches passen in drei Jahren perfekt. Aber direkt nach dem Draft lässt sich sagen: 2026 war ein Jahr für Line Play, vielseitige Defensive Backs, Receiver-Tiefe – und aus deutscher Sicht einer der spannendsten Draft-Momente seit langem.
2026 NFL draft: Best picks, trades, QB fits and predictions – ESPN