
Die Indianapolis Colts haben am Dienstag zwei ihrer prägendsten Spieler abgegeben: DeForest Buckner wechselt zu den San Francisco 49ers, Quenton Nelson zu den Seattle Seahawks. Nur eine Woche nach dem Aus von General Manager Chris Ballard ist das mehr als ein Personalwechsel. Es ist der Startschuss für einen kompletten Rebuild. Und die Frage, ob Jonathan Taylor der Nächste ist, steht bereits im Raum.
Zwei Stars, zwei Trades, ein klares Signal
Bei Buckner und Nelson ging es nicht um Randfiguren. Beide gehören seit Jahren zu den Gesichtern der Franchise, beide waren in ihrem Vertragsjahr und beide hatten in Indianapolis keine Perspektive auf meaningful football mehr. Die Colts stehen bei 2-5, haben seit 2020 keine Playoffs mehr erreicht und steuern auf die sechste Saison in Folge ohne Postseason zu.
Die Trades im Überblick:
- DeForest Buckner → 49ers: Die Colts erhalten einen Fourth-Round Pick 2027.
- Quenton Nelson → Seahawks: Dafür kommen ein Third-Round Pick 2027 und ein Fifth-Round Pick 2028.
Wie bei allen Spielertrades stehen beide Deals unter dem Vorbehalt, dass die Spieler den Physical bestehen. Die Seahawks haben für Nelson bereits Platz geschaffen und Guard Christian Haynes (Third-Round Pick 2024) auf die Waiver-Liste gesetzt.
Sportlich ergibt der Schritt Sinn. Beide Verträge laufen aus. Statt die Spieler im Frühjahr ziehen zu lassen und im besten Fall einen Compensatory Pick zu kassieren, sichern sich die Colts jetzt konkretes Draft-Kapital und behalten damit mehr Kontrolle über die Zukunft.
DeForest Buckner: Rückkehr nach San Francisco
Für Buckner schließt sich ein Kreis. Die 49ers hatten ihn 2016 an Position 7 gedraftet, vier Jahre lang war er dort Leistungsträger. Er spielte groß auf, als San Francisco im Februar 2020 im Super Bowl den Kansas City Chiefs unterlag. Danach schickte ihn das Team nach Indianapolis, weil man glaubte, Buckner, Arik Armstead und Jimmie Ward nicht gleichzeitig unter dem Salary Cap halten zu können.
Im Rückblick war das ein Fehler. Aus dem zurückerhaltenen First-Round Pick wurde Javon Kinlaw, der in San Francisco enttäuschte. Buckner kommt seit seinem Abgang auf 47 Sacks, eine Zahl, an die weder Armstead noch Kinlaw noch Javon Hargrave herankamen. Auch in dieser Saison führt er mit vier Sacks das 49ers-Team an, obwohl er erst sieben Spiele für die Colts absolviert hat. Dazu kommen 31 Tackles und drei Pass Breakups.
Bemerkenswert ist sein Comeback. Nach einer Nackenverletzung samt Season-ending Surgery im Vorjahr dachte Buckner laut den Berichten über das Karriereende nach. Nach langer Reha spielt der 32-Jährige wieder auf All-Pro-Niveau. Für den Rest der Saison stehen ihm knapp 8 Millionen Dollar zu, sein Zweijahresvertrag über 46 Millionen Dollar von April 2024 läuft aus.
Die Frustration in Indianapolis war zuletzt nicht zu übersehen. Nach der Niederlage gegen die bis dahin sieglosen Tennessee Titans in Week 6 schloss er sich sinngemäß der Wut von Head Coach Shane Steichen an und sagte, er habe genug vom immer gleichen Lied jedes Jahr. Nach der dritten Niederlage in Folge gegen die Minnesota Vikings blieb er auf die Frage nach seiner Gefühlslage knapp. Man könne raten, er sei frustriert. Sein Ziel formulierte er klar: gewinnen und noch einmal um einen Super Bowl mitspielen.
Die 49ers passen dazu. Sie haben mit Dre Greenlaw und Deebo Samuel schon zwei weitere Spieler des Super-Bowl-Teams von 2019 zurückgeholt, Buckner ist das nächste Puzzleteil. Und die Defensive Line kann Verstärkung brauchen: Zuletzt gelangen den Niners gegen die Atlanta Falcons nur drei Quarterback Pressures.
Quenton Nelson: Eine Ära endet
Nelson war 2018 Pick Nr. 6 und wurde seiner Draft-Position gerecht. Acht Pro Bowls in Folge zum Karrierestart schafften in der NFL-Geschichte nur er und Joe Thomas. Der Browns-Legende gelangen zehn, 2023 zog sie in die Pro Football Hall of Fame ein. Auch für Nelson zeichnet sich ein Platz dort ab.
Er blockte für verschiedene Quarterbacks, am prominentesten für Andrew Luck, mit dem er 2018 den Wild-Card-Sieg gegen die Houston Texans feierte, seinen einzigen Playoff-Erfolg. Danach trat Luck überraschend zurück, und die Colts fanden nie eine dauerhafte Lösung auf der Quarterback-Position. Der 30-Jährige kassierte drei First-Team-All-Pro– und drei Second-Team-All-Pro-Auszeichnungen, startete alle 136 Spiele, in denen er für Indianapolis auflief, und verpasste seit 2021 keine Partie mehr. Sein Vertrag, vier Jahre und 80 Millionen Dollar, läuft nach dieser Saison aus.
Beim Nachfolger setzt Indianapolis auf Nachwuchs: Rookie Jalen Farmer (Fourth-Round Pick) oder Dalton Tucker, ein Undrafted Free Agent von 2024, sollen den Platz am Left Guard übernehmen. Farmer hat in dieser Saison erst drei Offensive Snaps gespielt.
Warum die Seahawks zuschlagen
In Seattle kommt Nelson nicht zufällig. Das Running Game stockt, die Backs sorgen mit vier Lost Fumbles im Trio Jadarian Price, Emanuel Wilson und George Holani (ohne den fehlenden Zach Charbonnet) für zusätzliche Probleme. Auch die Offensive Line liegt hinter dem Vorjahresniveau. Right Guard Anthony Bradford fehlte fünf Spiele und war zuletzt ohnehin wechselhaft. Dazu kommt die Ungewissheit um Left Tackle Charles Cross, der sich gegen die Kansas City Chiefs am Knöchel verletzte.
Denkbar ist, dass Grey Zabel auf den Right Guard rückt und Nelson links übernimmt. Alternativ könnte Zabel ins Zentrum wechseln, was Jalen Sundell auf die Bank setzen würde. Bemerkenswert: Wie bei früheren Deadline-Verstärkungen (Leonard Williams 2023, Ernest Jones IV 2024, Rashid Shaheed 2025) dürfte Seattle über eine Vertragsverlängerung nachdenken. Die neuen Eigentümer Vinod und Neeru Khosla wollen Super-Bowl-Contender bleiben. GM John Schneider hat allerdings noch nie einen Interior Lineman an der Spitze des Marktes bezahlt. Der bestbezahlte Guard der Liga ist Peter Skoronski (Titans) mit 25 Millionen Dollar pro Jahr.
Die Colts-Lage: Kein First-Round Pick, viel Cap Space
Die Colts gehen den Rebuild ohne First-Round Pick 2027 an. Er geht an die New York Jets und vervollständigt den Sauce-Gardner-Trade aus dem Vorjahr. Nach den beiden Deals verfügt Indianapolis 2027 über einen Second-Round Pick, zwei Third-Round Picks und zwei Fourth-Round Picks.
Dafür bleibt finanziell viel Spielraum. Für das Frühjahr werden deutlich mehr als 60 Millionen Dollar Cap Space erwartet. Er könnte weiter wachsen, wenn Indianapolis Jonathan Taylor tradet oder sich von Daniel Jones trennt, der zuletzt enttäuschte. Für den künftigen General Manager wird Flexibilität kein Problem sein, bei den Verhandlungen im Hintergrund hat bislang Assistant GM Ed Dodds die Fäden gezogen, vermutlich im Auftrag von Owner Carlie Irsay-Gordon.
Die Bilanz der Ära Ballard ist ernüchternd: Seit 2014 kein AFC-South-Titel, seit 2020 keine Playoffs, der letzte Playoff-Sieg datiert von 2018. Im Schnitt standen in den vergangenen fünf Jahren 7,6 Siege zu Buche. Selbst Weltklasse-Spieler wie Buckner und Nelson reichten nicht, um die übrigen Schwächen des Teams auszugleichen.
Jonathan Taylor: Wer ist der Nächste?
Der Blick richtet sich zwangsläufig auf Jonathan Taylor. Der Running Back zählt seit seinem NFL-Start 2020 zu den produktivsten seiner Zunft und hat im August eine Vertragsverlängerung über zwei Jahre und 44 Millionen Dollar unterschrieben. Weil die Saison aber so verläuft, könnten die Colts lieber weitere Draft Picks für den Neuaufbau sammeln. Auch Grover Stewart (Nose Tackle) und Josh Downs (Wide Receiver) sollen auf dem Zettel anderer Teams stehen.

Bis zur Trade Deadline am 10. November ist noch Zeit, und die Liga ist in Bewegung. Die Houston Texans holten Marvin Harrison Jr. von den Arizona Cardinals, die Baltimore Ravens angelten sich Center Cam Jurgens von den Philadelphia Eagles, die Dallas Cowboys schnappten Joey Porter Jr. von den Pittsburgh Steelers. Und im Vorjahr wurden in den letzten 24 Stunden vor der Deadline zwölf Spieler getradet. Da geht noch einiges.
Meinung von der Couch
Ich finde die Entscheidung der Colts richtig, wenn auch bitter. Buckner und Nelson sind Spieler, mit denen man als Fan Football-Erinnerungen verbindet, und es tut weh, sie in anderen Trikots zu sehen. Aber ein Team, das fünf Jahre in Folge die Playoffs verpasst und bei 2-5 steht, kann zwei 30-Jährige auf auslaufenden Verträgen nicht für eine Saison festhalten, die ohnehin nicht mehr gerettet wird. Ein Third- und ein Fourth-Round Pick sind kein Jackpot, aber besser als nichts.
Spannend wird, wie konsequent Indianapolis den Weg geht. Ohne First-Round Pick und mit einem Quarterback, der die Erwartungen nicht erfüllt, wird der Neuaufbau zäh. Taylor ist dabei der große Prüfstein: Ein Running Back in dieser Form hat Wert, aber der verfällt schneller als bei fast jeder anderen Position. Wer Rebuild sagt, muss ihn eigentlich anbieten. Ich bin gespannt, ob die Colts den Mut haben.
Quelle: Recherchen von Stephen Holder (ESPN) sowie von James Boyd, Jonathan Jones, Vic Tafur, Matt Barrows, Andrew Destin und Mike Jones, veröffentlicht bei ESPN und The Athletic.