
Football ist ein Spiel der Härte, und genau das hat seinen Preis. Zwei neue Studien zeigen, wie hoch dieser Preis bei ehemaligen NFL-Profis sein könnte: Bei nahezu drei von vier verstorbenen Spielern soll eine CTE vorgelegen haben. Eine Einordnung abseits des Rasens.
Wer sich als Fan sonntags über Touchdowns freut, blendet gern aus, was die Gladiatoren der Liga nach dem Karriereende erwartet. Genau darum geht es in zwei aktuellen Untersuchungen zur chronisch-traumatischen Enzephalopathie, kurz CTE. Beide Arbeiten stammen von Forschenden rund um die Boston University und liefern bislang die umfassendsten Daten zur Frage, wie verbreitet die Erkrankung unter ehemaligen NFL-Profis tatsächlich ist.
Was ist CTE überhaupt?
Die chronisch-traumatische Enzephalopathie ist eine neurodegenerative Erkrankung des Gehirns. Sie wird mit wiederholten Kopfbelastungen in Verbindung gebracht, wie sie in Sportarten mit hohem Körperkontakt vorkommen, allen voran im American Football. Das Tückische: Eine gesicherte Diagnose ist nach heutigem Stand ausschließlich nach dem Tod möglich, durch die neuropathologische Untersuchung des Gehirns. Ein Test für lebende Menschen ist Gegenstand laufender Forschung, existiert aber noch nicht.
Die Erkrankung wird in vier Stadien (I bis IV) eingeteilt. In den frühen Stadien treten laut den Forschenden oft noch keine Symptome auf. Im Stadium IV dagegen sind die Veränderungen im Gehirn am stärksten ausgeprägt.
Die JAMA-Studie: Rund 75 Prozent der verstorbenen Spieler betroffen
Die jüngste Untersuchung, veröffentlicht in JAMA Network Open, schätzt die Verbreitung bei zwischen 2008 und 2023 verstorbenen NFL-Spielern auf rund 75 Prozent. Verantwortlich sind Forschende der Boston University, von Mass General Brigham und der Concussion & CTE Foundation. Es ist nach Angaben der Autoren der erste umfassende Versuch, die CTE-Verbreitung unter allen verstorbenen ehemaligen NFL-Spielern zu bestimmen.
Die Datengrundlage ist beachtlich: Ausgewertet wurden 2.362 Fälle. Davon stammen 396 von Spielern, die ihr Gehirn der Forschung gespendet hatten. Für die übrigen 1.966 verstorbenen Spieler ohne Hirnspende nutzte das Team Daten aus dem National Death Index. Von den gespendeten Gehirnen wiesen knapp 94 Prozent eine CTE auf.
Studienleiterin Julia Gallini bezeichnete den geschätzten Wert von nahezu 75 Prozent laut Mitteilung als „besorgniserregend“. Es brauche mehr Anstrengungen, um Familien zu unterstützen, CTE schon zu Lebzeiten zu diagnostizieren und die damit verbundenen Symptome zu behandeln.
Das Problem der Stichprobe: Spenden nicht alle gleich?
Frühere CTE-Forschung stand immer wieder in der Kritik, und zwar wegen eines Selektionsbias. Gespendet werden Gehirne häufiger von Spielern, die zu Lebzeiten Symptome zeigten. Wer sich nur die Spender ansieht, überschätzt womöglich die Verbreitung.
Die neue Studie versucht, genau das aufzufangen. Verglichen mit den Nicht-Spendern waren die Spender häufiger weiß, starben jünger und hatten länger in der NFL gespielt. Die Autoren halten dennoch fest: Auch nach Berücksichtigung der unterschiedlichen Spendebereitschaft bleibe die geschätzte Verbreitung hoch.
Die BMJ-Studie: Die Spannbreite der Wahrheit
Einige der beteiligten Forschenden hatten bereits im August im BMJ eine Arbeit veröffentlicht, die einen ähnlichen Ansatz aus einer anderen Perspektive verfolgt. Untersucht wurden 1.712 ehemalige NFL-Spieler, die zwischen 2008 und 2021 verstorben sind. Das Gehirn von 338 Spielern (19,7 Prozent) wurde neuropathologisch untersucht, bei 315 von ihnen (93,2 Prozent) fand sich eine CTE.
Weil bei den übrigen Verstorbenen das Gehirn nicht untersucht wurde, rechneten die Forschenden mit einer Spannbreite:
- Mindestens 18,5 Prozent aller verstorbenen Spieler hatten demnach eine CTE, wenn man ausschließlich die bestätigten Fälle zählt.
- Höchstens 98,7 Prozent wären es, wenn man annimmt, dass alle nicht untersuchten Spieler betroffen waren.
Interessant wird es beim Blick auf die sechs Jahre von 2016 bis 2021, in denen besonders viele Gehirne gespendet wurden. Hier lag die Untergrenze bei 24,5 Prozent. Mindestens jeder vierte verstorbene Spieler hatte in diesem Zeitraum also nachweislich eine CTE. Die Obergrenze belief sich auf 97,7 Prozent.
CTE und Demenz: Der Zusammenhang ist deutlich
Die BMJ-Studie ging noch einen Schritt weiter und untersuchte, wie sich die Hirnveränderungen im Alltag der Betroffenen bemerkbar machten. Bei den Hirnspendern wurde bei 202 von 338 Spielern (59,8 Prozent) eine Demenz festgestellt. Bei Spielern mit CTE im Stadium IV lag der Anteil bei über 90 Prozent (94 von 104).
Nach statistischer Korrektur für die Spendebereitschaft und weitere Faktoren war das Stadium IV mit einem um das 1,44-Fache erhöhten Demenzrisiko verbunden. Ein weiterer Befund: Nur bei gut 40 Prozent der Spieler mit Demenz tauchte eine neurodegenerative Erkrankung als Haupt- oder Nebenursache auf dem Totenschein auf. Die Autoren schließen daraus, dass frühere Untersuchungen, die auf Todesbescheinigungen beruhen, das Ausmaß wohl unterschätzt haben.
Was die Studien nicht aussagen
So klar die Zahlen wirken: Die Forschenden selbst mahnen zur Vorsicht, und das gehört zu einer fairen Einordnung.
- Die Schätzungen gelten nur für verstorbene NFL-Spieler. Sie lassen keine Rückschlüsse auf die Häufigkeit bei lebenden Profis zu.
- Zu College- oder Highschool-Football und zum Jugendbereich sagen die Studien nichts aus. Dort fehlen laut den Autoren schlicht die Vergleichsdaten.
- Welche Symptome die Spieler tatsächlich hatten und ob sie mit CTE zusammenhingen, geht aus der JAMA-Studie nicht hervor. Viele Fälle könnten im Frühstadium gewesen sein und womöglich ohne Beschwerden verlaufen sein.
- Die BMJ-Autoren betonen, dass sich ihre Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf die gesamte Football-Community übertragen lassen, da alle untersuchten Spieler extrem hohen Kopfbelastungen ausgesetzt waren.
- Auffällig: Die Dauer der NFL-Karriere stand in der BMJ-Studie nicht im Zusammenhang damit, ob jemand überhaupt eine CTE hatte, wohl aber mit dem Schweregrad.
Wie reagieren NFL und Spielergewerkschaft?
Die NFL erklärte, die Liga arbeite fortlaufend daran, das Spiel sicherer zu machen, unter anderem mit Maßnahmen zur Reduzierung von Gehirnerschütterungen und Kopfbelastungen. Ehemalige Spieler ermutige man, die vorhandenen Angebote zu nutzen, um gesundheitliche Probleme zu erkennen und behandeln zu lassen.
Die NFL Players Association wiederum hält solche Studien für entscheidend, um die langfristigen Folgen des Footballs besser zu verstehen.
Vorbild Chris Olave: Schutz statt Schönheitspreis
Dass sich im Umgang mit dem Thema etwas bewegt, zeigt ein Blick auf die Gegenwart. Chris Olave von den New Orleans Saints läuft seit dieser Saison mit einer Guardian Cap auf, dem weichen Überzug für den Helm, der Kopfkontakte abfedern soll. Der Wide Receiver hat in seinen ersten 39 NFL-Spielen vier Gehirnerschütterungen erlitten. Im Season Opener fing er trotzdem zehn Pässe für 182 Yards.
Seine Begründung ist bemerkenswert ehrlich: Er kenne seine Vorgeschichte mit Kopfverletzungen, und er habe inzwischen Kinder. Es gehe ihm nicht allein um Football, sondern darum, nach der Karriere ein ganz normales Leben führen zu können. Wie die Kappe aussehe, sei ihm mittlerweile egal.
Olave steht damit nicht allein. Die Guardian Cap wurde 2010 entwickelt. Die NFL schreibt sie seit 2022 für bestimmte Positionen in der Preseason im Training vor, in den Regular-Season-Spielen ist sie freiwillig. Immer mehr Spieler greifen trotzdem zu, darunter Romeo Doubs (Patriots), Alaric Jackson (Rams) und Jalen Pitre (Texans). Pitre wurde sogar zum ersten „Guardian Cap Signature Athlete“. Der Hersteller selbst gibt an, dass sich die Zahl der Gehirnerschütterungen im Training bei Spielern mit Kappe um rund 54 bis 62 Prozent verringert habe. Diese Zahl stammt allerdings vom Anbieter und sollte entsprechend eingeordnet werden.
Meinung von der Couch
Ich gebe offen zu: Solche Zahlen stimmen mich nachdenklich. Ich liebe dieses Spiel, die Härte, die Intensität, die Hits, und trotzdem bleibt ein unangenehmes Gefühl, wenn man liest, was am Ende des Weges auf viele dieser Männer wartet.
Gerade deshalb sollten wir Fans uns fragen, wie wir mit dem Thema umgehen, auch in den sozialen Medien. Memes gehören längst zur Football-Kultur, und ich lache oft selbst mit. Bei Spielern wie Tua Tagovailoa, der in seiner Karriere mehrfach mit Gehirnerschütterungen zu kämpfen hatte, sollten wir aber genauer hinschauen, worüber wir uns eigentlich lustig machen. Ähnlich bei Antonio Brown: Sein Verhalten wird immer wieder öffentlich mit CTE in Verbindung gebracht. Das ist Spekulation. Eine CTE lässt sich bei Lebenden nicht diagnostizieren, und Ferndiagnosen aus der Social-Media-Blase helfen niemandem. Ein bisschen weniger Radikalität im Netz würde der Debatte guttun.
Positiv stimmt mich, dass sich im Locker Room etwas ändert. Dass ein Spieler wie Chris Olave offen sagt, er trage die Guardian Cap, weil er langfristig an seine Familie denke, und sich dabei nicht um den Look schert, ist ein starkes Signal. Wenn sich solche Vorbilder durchsetzen und Helmtechnik, Regeländerungen und das Concussion Protocol langfristig Wirkung zeigen, wäre das die beste Nachricht, die man sich wünschen kann. Bis dahin sollten wir nicht wegschauen, sondern verstehen, was hinter den Schlagzeilen steckt. Denn die Spieler von heute sind die Veteranen von morgen.
Quelle: Meldung von ESPN zur Studie in JAMA Network Open sowie BMJ-Studie „Prevalence of chronic traumatic encephalopathy at death in National Football League players“ (Daneshvar et al., BMJ 2026).