
Die Zahlen sind eindeutig: Justin Herbert hat mit den Los Angeles Chargers einen 0-4-Start hingelegt, und nach vier Spielen steht er beim schlechtesten Passer Rating aller Quarterbacks mit mindestens drei Starts. Es ist der Fehlstart, den in L.A. niemand auf dem Zettel hatte. Dabei hatte Jim Harbaugh im Sommer extra den Hebel umgelegt und Mike McDaniel als neuen Offensive Coordinator geholt, um frischen Wind in die Offense zu bringen. Stattdessen steht das Team nach der 23:30-Niederlage bei den Seattle Seahawks mit leeren Händen da.
Ein Franchise-Quarterback im freien Fall
Man muss sich kurz in Erinnerung rufen, wer da gerade strauchelt. Herbert wurde 2020 zum Offensive Rookie of the Year gewählt, ist 28 Jahre alt, 6 Fuß 6 Zoll groß, wiegt rund 236 Pfund und besitzt einen Arm, mit dem er praktisch jeden Winkel des Feldes bedienen kann. Er ist kein Lehrbuch-Quarterback, sondern ein klug denkender Athlet, der sich Plays erarbeitet, wo andere vom System getragen werden. Sechs Jahre lang hat er die Chargers mit starken Zahlen und großem Willen über Wasser gehalten, selbst als Kader und Organisation darunter nicht immer mithalten konnten.
Nach vier Spielen der siebten Saison liest sich seine Bilanz jedoch beunruhigend:
- Passer Rating von 70,6, der schlechteste Wert unter allen Quarterbacks mit mindestens drei Starts
- Sechs Interceptions, Platz zwei in der Liga (geteilt)
- 12 Sacks, Platz drei in der Liga (geteilt)
- Ein Hochrechnungs-Tempo von 27 Interceptions, was seinen bisherigen Karrierebestwert von 15 pulverisieren würde
Auf dem Papier ergibt das ein Bild, das so gar nicht zu einem 262,5-Millionen-Dollar-Quarterback passen will. Der Vergleich mit Jameis Winston in Sachen Effizienz tut zusätzlich weh.
McDaniels System trifft auf Herberts Instinkt
Die Idee hinter dem Umbau klingt auf den ersten Blick vernünftig. Die Chargers wollten Struktur schaffen, Timing und Präzision in die Offense bringen und Herbert damit entlasten, damit er seine Heldentaten für die entscheidenden Momente aufsparen kann. Ein Quarterback, der das System ergänzt, statt es ständig retten zu müssen.
In der Praxis wirkt Herbert allerdings gehemmt. Seine Fußarbeit erscheint für einen so flüssigen Athleten ungewohnt steif, und die Anticipation Throws, die in McDaniels Zeit in Miami mit Tua Tagovailoa so gut funktioniert haben, kommen bei ihm nicht an. Das Grundproblem liegt auf der Hand: McDaniel hat Jahre damit verbracht, ein System für einen Quarterback zu entwickeln, dessen körperliche Grenzen die Offense verdecken muss. Herbert ist das Gegenteil, ein großgewachsener Improvisator mit enormem Spielraum. Wer ihn in dasselbe Korsett steckt, nimmt ihm genau das, was ihn auszeichnet.

Dazu kommt die Instabilität im Staff: McDaniel ist Herberts fünfter Offensive Coordinator in sieben Jahren. Seine Karriere-Passer-Rating von 95,5 zeigt, dass er sich schon an viel Wandel angepasst hat. Mit Greg Roman, den Harbaugh zu Beginn seiner Amtszeit mitbrachte, hatte man die Offense zunächst bewusst verschlankt, was lange gut genug funktionierte, bis es das nicht mehr tat. Auf Roman folgte McDaniel, und mit dieser Entscheidung begann das aktuelle Problem.
Zwei Halbzeiten, zwei Herberts
Wie widersprüchlich das Bild ist, zeigte das Spiel in Seattle. Zur Halbzeit stand Herbert bei 5 von 14 Pässen für 36 Yards und zwei Interceptions, das Team lag zwischenzeitlich im dritten Viertel mit 6:27 zurück. Gegen die ungeheuer aggressive Pass Rush der Seahawks wirkte die Offense hilflos und der Quarterback gefangen im eigenen System.
Und dann, als nichts mehr zu verlieren war, war plötzlich der alte Herbert da: In den letzten 30 Minuten kam er auf 14 von 17 Pässen für 153 Yards und einen Touchdown, inklusive mehrerer Highlight-Completions. Niemand verlangte noch Präzision nach Plan, es ging nur noch um Einsatz, und genau das lag ihm. Die Aufholjagd gegen den amtierenden Super-Bowl-Champion blieb zwar unvollendet, aber sie lieferte den Beleg dafür, wo der Schlüssel liegt.
Harbaugh bleibt Optimist, Herbert diplomatisch
Jim Harbaugh reagierte wie gewohnt mit Superlativen. Es sei eine der kämpferischsten Leistungen gewesen, die er bei einem Quarterback je miterlebt habe, sagte er, und es gebe keinen Spieler, den er mehr respektiere oder dessen Wettkampfgeist er mehr schätze. Man kann das als Schönfärberei abtun, aber es hat eine gewisse Methode: Wenn die Saison nach vier Niederlagen bereits auf der Kippe steht, hilft ein Hauch radikaler Zuversicht vielleicht mehr als Panik. Historisch ist die Lage ohnehin düster, denn nur ein einziges Team, die Chargers von 1992, hat es je geschafft, nach einem 0-4-Start noch die Playoffs zu erreichen.
Herbert selbst hielt sich mit Kritik am System zurück. Er nannte es ein gutes System, es liege an ihm, solche Turnover zu vermeiden und Plays zu machen. Und auf die Frage nach dem Zustand seines Körpers nach vier Sacks und etlichen harten Treffern antwortete er, wie man es von ihm kennt: knapp und höflich.
Der Spielplan macht die Lage nicht leichter: Als Nächstes warten die Denver Broncos, die Kansas City Chiefs und die Los Angeles Rams.
Anpassen oder Durchhalten?
Jetzt steht die Organisation vor einer Grundsatzentscheidung. Hält man stur am Plan fest und riskiert eine lange, bittere Saison, oder passt man die Offense an das an, was Herbert tatsächlich kann? Dass McDaniels Job laut Harbaugh nicht wackelt, setzt das Offensive-Playbook umso mehr unter Druck: Es muss auf den Quarterback zugeschnitten werden, nicht umgekehrt. Dazu gehört auch, ein gewisses Maß an Unberechenbarkeit in Herberts Spiel zu akzeptieren.
Die Chargers brauchen einen Herbert, der effektiv und zugleich vorsichtig spielt. Aktuell bekommen sie einen, der ineffektiv und gefährlich ist. Für Harbaugh und McDaniel steht außerdem ihr Ruf als Quarterback-Versteher auf dem Spiel. Herbert hat diese Wette nicht abgeschlossen, doch sein Ansehen unter den Elite-Quarterbacks ist der Einsatz.
Meinung von der Couch
Ich finde es schwer erträglich, wie hier ein Quarterback verbogen wird, der zu gut ist, um schlecht zu sein. Herbert ist der Offensive Rookie of the Year 2020, jemand, der über Jahre bewiesen hat, dass er mit dürftigen Voraussetzungen Spiele gewinnen kann. Dass ausgerechnet so einer mit einem neuen System zum Turnover-Risiko wird, ist weniger sein Versagen als das der Verantwortlichen.
Natürlich gab es schon im Sommer Nebengeräusche: Die Verlobung mit Sängerin Madison Beer fiel kurz vor den Trainingsstart, und Videoaufnahmen der beiden auf dem Camp-Gelände machten die Runde im Netz und sorgten dort für reichlich Spott. Ich will daraus keinen Fall konstruieren, denn Herbert hat nach eigener Aussage lange über den Zeitpunkt nachgedacht. Aber in einer Phase, in der Fokus und Rhythmus ohnehin fehlen, werden solche Bilder schnell zum Futter für die Gegenseite. Ob sie Ausdruck von Ablenkung oder einfach nur Pech beim Timing waren, kann man von der Couch aus nicht beurteilen.
🚨Madison Beer and Justin Herbert at the Chargers’ training camp https://t.co/D12SI1rFkI
— Polymarket Sports (@PolymarketSport) August 5, 2026
Die Chargers scheitern seit Jahren an derselben Stelle: Sie holen Namen, Konzepte und Versprechen, aber nie die Konstanz, die ein Quarterback von diesem Format verdient hätte. Fünf Offensive Coordinators in sieben Jahren sind kein Zufall, sondern ein Muster. Ich bin gespannt, ob Harbaugh den Mut aufbringt, das System zu biegen, bevor es endgültig bricht. Denn eines hat die zweite Halbzeit gezeigt: Herbert ist nicht das Problem, er ist die Lösung, wenn man ihn lässt.
Quelle: Recherche von Jerry Brewer, veröffentlicht bei The Athletic; ergänzend Berichte von Sports Illustrated und Newsweek.