Nadine Nurasyid im Einsatz für die Munich Cowboys – hier holte sie sich als Head Coach ihre GFL-Sporen, bevor der Weg über Stuttgart und Tampa Bay nun zu den Indianapolis Colts führte.
Nadine Nurasyid im Einsatz für die Munich Cowboys – hier holte sie sich als Head Coach ihre GFL-Sporen, bevor der Weg über Stuttgart und Tampa Bay nun zu den Indianapolis Colts führte. | Quelle: IMAGO / sportworld

Die Indianapolis Colts haben am Montag ihre Fellows für die Saison 2026 bekanntgegeben – und mittendrin steht ein Name, der deutsche Football-Fans besonders freuen dürfte. Nadine Nurasyid, zuletzt Defensive Coordinator bei den Stuttgart Surge in der European League of Football, wird als Harriet P. Irsay Fellow die Defensive Backs der Colts betreuen. Für eine gebürtige Münchnerin mit einer beeindruckenden Trainerkarriere in Deutschland ist das der bislang größte Schritt einer Laufbahn, die schon einige Premieren hinter sich hat.

Neben Nurasyid wurden Isabel Diaz als zweite Irsay Fellow sowie Shea Pitts als Tony Dungy Fellow verpflichtet. Alle drei sind Teil von Programmen, die die Colts seit Jahren nutzen, um Coaching-Talenten abseits klassischer NFL-Karrierewege eine Tür zu öffnen – und die sich in der Praxis als echte Sprungbretter erwiesen haben.

Wer ist Nadine Nurasyid?

Nurasyids Trainerkarriere liest sich wie ein Best-of der europäischen Football-Szene. Zehn Jahre Erfahrung sammelte sie bei den Straubing Spiders in der GFL2 (2017–2018), den Munich Cowboys in der German Football League (2018–2023) und zuletzt bei den Stuttgart Surge in der European League of Football (2024–2026). Bei den Cowboys war sie nicht nur Defensive Coordinator, sondern auch Head Coach – und damit die erste Frau, die eine Herrenmannschaft in einer ersten Liga trainierte. 2022 wurde sie dafür als GFL Coach of the Year ausgezeichnet.

Auch auf internationaler Bühne war sie längst angekommen: Von 2022 bis 2024 betreute Nurasyid als Defensive-Backs-Coach die deutsche Nationalmannschaft. Und in der NFL selbst ist sie kein unbeschriebenes Blatt mehr – 2025 durchlief sie bei den Tampa Bay Buccaneers die Bill Walsh Diversity Coaching Fellowship während des Trainingscamps, ein Programm, das seit Jahren als Talentschmiede für genau solche Fellowships dient, wie sie die Colts nun vergeben haben.

Akademisch bringt Nurasyid ebenfalls einiges mit: einen Bachelor in Biologie und Chemie sowie zwei Masterabschlüsse in Gesundheitswissenschaften und Sport- und Bewegungswissenschaft, alle von der Technischen Universität München.

Bei den Colts wird sie nun die Defensive Backs unterstützen – ein Bereich, in dem sie sich durch ihre Zeit als Defensive Coordinator bestens auskennt. Wie genau ihre Rolle im täglichen Trainingsbetrieb aussehen wird, ist noch offen, aber allein die Tatsache, dass eine Trainerin mit rein europäischer Football-Sozialisation in dieser Form bei einem NFL-Team andockt, ist bemerkenswert.

Was ist die Harriet P. Irsay Fellowship?

Das Harriet P. Irsay Fellowship for Women in Football Program gibt es seit 2023, in diesem Jahr also bereits zum vierten Mal. Benannt ist es nach Harriet P. Irsay, der verstorbenen Großmutter von Colts-Owner Carlie Irsay-Gordon, Casey Foyt und Kalen Jackson. Ziel des Programms ist es, Frauen einen strukturierten Zugang zu Football Operations und Coaching in der NFL zu ermöglichen – Bereiche, in denen Frauen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert sind.

👉 Siehe auch: Indianapolis Colts: Familie. Football. Frauenpower – Das neue Schwestern-Owner-Trio

Neben Nurasyid wurde mit Isabel Diaz, die bereits 2023 als allererste Irsay Fellow den Anfang machte, eine zweite Frau für das Programm bestätigt; sie wird die Colts in dieser Saison im Special-Teams-Bereich unterstützen.

Ergänzt wird der Jahrgang durch Shea Pitts als Tony Dungy Fellow, benannt nach der Colts-Legende und dem ersten Schwarzen Head Coach, der einen Super Bowl gewann. Pitts, zuletzt Defensive Graduate Assistant an der UCLA, wird die Defensive-Seite des Coaching-Stabs verstärken – bereits das fünfte Jahr, in dem die Colts dieses Programm auflegen.

Warum solche Programme relevant sind

Man kann über Diversity-Fellowships unterschiedlicher Meinung sein, aber ein Blick auf die Erfolgsbilanz solcher Programme zeigt: Sie funktionieren als das, wofür sie gedacht sind – als Sprungbrett. Genau dieser Mechanismus zeigt sich bei Nurasyid: ohne die Bill Walsh Fellowship bei den Buccaneers 2025 wäre der jetzige Schritt zu den Colts vermutlich schwerer zu erklären. Die NFL nutzt solche Programme gezielt, um Trainerinnen und Trainer mit unkonventionellen Lebensläufen ins System zu holen, sie dort zu testen und bei Eignung langfristig zu binden. Ballard, Steichen und die Irsay-Familie selbst sitzen bei den Colts im Auswahlkomitee – das Ganze ist also keine reine PR-Maßnahme, sondern Teil der tatsächlichen Personalstrategie der Franchise.

Für die europäische und speziell die deutsche Football-Szene hat Nurasyids Verpflichtung noch eine zusätzliche Dimension. Die European League of Football, in der sie zuletzt bei den Stuttgart Surge als Defensive Coordinator arbeitete, gehört seit diesem Jahr selbst der Vergangenheit an: Nach der Insolvenz der Liga Anfang 2026 wird der professionelle Spielbetrieb in Europa nun über Nachfolgeformate wie die European Football Alliance und die American Football League Europe organisiert.

Unabhängig von diesem Umbruch zeigt Nurasyids Weg aber, dass die NFL europäischen Profi-Football zunehmend als das wahrnimmt, was er sein soll: ein Talentpool, der nicht nur Spieler, sondern eben auch Trainerinnen und Trainer hervorbringt, die NFL-tauglich sind. Dass eine Coach mit GFL- und ELF-Vergangenheit den Sprung auf ein NFL-Trainingsgelände schafft, ist ein Signal – nicht nur an andere Trainerinnen, sondern auch an die europäische Szene selbst, deren sportliche Substanz damit ein Stück weit bestätigt wird.

Ausblick

Wie lange Nurasyid, Diaz und Pitts bei den Colts bleiben und ob aus den Fellowships feste Positionen werden, ist offen – das war bei früheren Jahrgängen nicht anders. Aber genau das ist der Sinn des Programms: eine Pipeline aufzubauen, aus der Indianapolis und potenziell auch andere Teams künftig schöpfen können. Für Nurasyid persönlich beginnt mit dem Colts Training Camp im Juli in Westfield, Indiana, nun der nächste Karriereschritt.

Für alle, die Nurasyid live in Aktion sehen wollen, gibt es im Herbst eine besonders naheliegende Gelegenheit: Am 4. Oktober treffen die Colts im Tottenham Hotspur Stadium in London auf die Washington Commanders – das erste London-Game der diesjährigen NFL-Saison und für Indianapolis bereits der dritte Europa-Auftritt in vier Jahren. Sollte Nurasyid bis dahin weiter Teil des Coaching-Stabs sein, wäre das für viele europäische Fans die erste Gelegenheit, eine der eigenen Trainerinnen direkt an der NFL-Seitenlinie zu erleben.

👉 Siehe auch: NFL International Games 2026: München, London, Paris und Madrid – alle Paarungen im Überblick