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Eigentlich ist der NFL Supplemental Draft eine Randnotiz im Kalender. Kein roter Teppich, keine Live-Übertragung, kein Commissioner am Podium. Das ganze Prozedere dauert etwa zehn Minuten. Zuletzt hatte er 2019 überhaupt eine Relevanz, als die Arizona Cardinals Defensive Back Jalen Thompson auswählten. Seitdem: Stille. Bis jetzt.

Denn der Fall Brendan Sorsby hat den Supplemental Draft wieder ins Gespräch gebracht – und er verdient eine saubere Einordnung. Was steckt hinter diesem Mechanismus, wie funktioniert er, und was hat das alles mit einem College-Quarterback aus Lubbock, Texas, zu tun?

Was ist der NFL Supplemental Draft überhaupt?

Der Supplemental Draft existiert seit 1977 und dient als Auffangmechanismus für Spieler, die nicht am regulären NFL Draft teilgenommen haben, aber für die kommende Saison verfügbar sein sollen. Der häufigste Grund: unerwartete Eligibility-Probleme auf College-Ebene – akademischer oder disziplinarischer Natur – die einen Spieler daran hindern, zur Uni zurückzukehren. Die NFL führt den Draft nur durch, wenn tatsächlich qualifizierte Spieler vorhanden sind. 2023 gab es zuletzt zwei Kandidaten – keiner wurde gezogen.

Wer teilnehmen will, muss beim NFL-Büro einen Antrag stellen und genehmigt werden. Der Rest läuft dann unspektakulär ab: kein TV, kein Spektakel.

Wie läuft die Auswahl? Die Draft-Reihenfolge wird per Losverfahren ermittelt, aufgeteilt in drei Gruppen: Teams mit sechs oder weniger Siegen, die übrigen Nicht-Playoff-Teams und die 14 Playoff-Teams. Innerhalb jeder Gruppe wird die Reihenfolge zufällig bestimmt. Wenn ein Team Interesse an einem Spieler hat, gibt es ein Gebot ab – und zwar in einer bestimmten Runde. Bewerben sich mehrere Teams in derselben Runde um denselben Spieler, erhält das Team mit dem besseren Pick den Zuschlag. Der Haken: Wer im Supplemental Draft auswählt, verzichtet im nächsten regulären Draft auf seinen Pick in eben dieser Runde. Ein echter Trade-off, der die Entscheidung für Teams nicht trivial macht.

Der Fall Sorsby – was bisher bekannt ist

Brendan Sorsby transferierte im Januar als einer der begehrtesten Spieler im Transfer Portal zu Texas Tech. Der Fifth-Year-Senior hatte seine Karriere bei Indiana begonnen, verbrachte die letzten zwei Saisons in Cincinnati – mit starken Zahlen in seiner letzten Spielzeit: 2.800 Passing Yards, 27 Touchdowns bei nur fünf Interceptions – und galt als solider Kandidat für den NFL Draft 2027.

Dann brach die Sache auf. Texas Tech wurde zu Beginn des Monats über die NCAA-Untersuchung informiert. Sorsby trat eine „sofortige und unbefristete Auszeit“ vom Programm an und begab sich in ein stationäres Behandlungsprogramm für Glücksspielsucht. Die Zahlen, die danach öffentlich wurden, sind bemerkenswert: Sorsby soll seit 2022 mehr als 10.000 Wetten platziert haben – auf mehrere Sportarten, über verschiedene Apps und in mehreren Bundesstaaten, mit einem Schnitt von rund 20 Wetten pro Tag.

Der kritische Punkt für seine College-Zukunft: Sorsby soll während seiner Zeit als Redshirt Freshman in Indiana auch auf Spiele seiner eigenen Mannschaft gewettet haben. Genau das ist nach den NCAA-Richtlinien von 2023 der härteste Fall – wer auf Spiele der eigenen Schule wettet, riskiert den permanenten Verlust der Eligibility.

Die NCAA-Untersuchung kann erst fortgesetzt werden, wenn Sorsby aus der Reha-Einrichtung entlassen ist – er ist nicht verpflichtet, mit den Behörden zu sprechen, solange seine Anwälte das für taktisch unklug halten. Aktuell hat er den renommierten Kartellrechtler Jeffrey Kessler engagiert, um seine College-Eligibility zurückzugewinnen.

Aus der Compliance-Perspektive sieht es dabei nicht gut aus: Mehrere mit der Untersuchung vertraute Quellen gehen davon aus, dass Sorsby für die kommende Saison für ineligible erklärt wird.

Supplemental Draft als Exit-Option

Wenn die NCAA Sorsby tatsächlich die verbleibende Eligibility entzieht, wäre der Supplemental Draft ein möglicher nächster Schritt – vorausgesetzt, die NFL lässt ihn zu. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Liga kann einen Antrag ablehnen, und ob sie einen Spieler aufnimmt, dessen Name aktuell mit einer Glücksspielaffäre verknüpft ist, ist eine eigene Abwägung.

Ein Präzedenzfall existiert: Ohio States Terrelle Pryor gelangte 2011 auf diesem Weg in die NFL – statt eine NCAA-Suspendierung abzusitzen, wechselte er in den Profibereich. Er musste die Sperre auf NFL-Ebene trotzdem absitzen, nachdem Commissioner Roger Goodell sie verhängte. Sorsby könnte ein ähnliches Szenario erwarten.

Der Timing-Aspekt ist relevant: Der Supplemental Draft findet laut Regularien spätestens sieben Tage vor Beginn des ersten Trainingscamps statt – das wäre voraussichtlich Anfang bis Mitte Juli 2026. Die Untersuchung müsste also zügig abgeschlossen sein, damit Sorsby rechtzeitig einen Antrag stellen kann.

Für ihn hätte der Schritt einen weiteren Vorteil: Er würde dem Draft-Jahrgang 2027 entfliehen, der bereits jetzt als außergewöhnlich stark gilt – mit Namen wie Arch Manning von Texas und Dante Moore von Oregon als potenzielle Mitbewerber um Top-Positionen.

Was bleibt

Sorsby ist in erster Linie ein junger Mensch, der ein ernsthaftes Suchtproblem hat – und das verdient zunächst Respekt vor dem Prozess, den er gerade durchläuft. Footballtechnisch ist die Situation aber komplex: Eine Untersuchung ohne klaren Zeitplan, eine rechtliche Gegenwehr, die Dinge weiter in die Länge ziehen könnte, und ein Mechanismus – der Supplemental Draft – der zuletzt wirklich niemanden interessiert hat, jetzt aber plötzlich wieder praktisch relevant sein könnte.

Ob es dazu kommt, hängt an der NCAA, an der NFL und letztlich an Sorsby selbst. Bis auf Weiteres bleibt er das, was er gerade ist: ein Fragezeichen.