
Bevor es den Kick im Schnee gab und den Kick, der einen Super Bowl entschied, gab es einen anderen Kick – jenen, der eine Hall-of-Fame-Karriere überhaupt erst möglich machte. Genauer gesagt: der sie rettete. Adam Vinatieri wurde als Mitglied der Pro Football Hall of Fame Class of 2026 in Canton eingeführt. Kaum ein Weg dorthin war so unwahrscheinlich wie seiner.
Ein 40-Yard-Kick, der alles entschied
Am 22. September 1996 stand Vinatieri bei strömendem Regen und aufgeweichtem Rasen im Foxboro Stadium auf dem Platz – Overtime, Wind, ein wütender Head Coach an der Seitenlinie. Sein Team, die New England Patriots, brauchte einen Field Goal aus 40 Yards, um die Jacksonville Jaguars zu bezwingen. Hätte Vinatieri diesen Kick verfehlt, wäre seine NFL-Karriere aller Wahrscheinlichkeit nach schon nach vier Spielen zu Ende gewesen.
Der Kicker traf – knapp innerhalb des rechten Pfostens. Es war der erste von letztlich 28 Game-Winnern, ein NFL-Rekord, den er im Laufe seiner Karriere aufstellen sollte.
🔖 Warum NFL-Kicker heimlich Spiele entscheiden – und mehr Anerkennung verdienen
Vom College-Aussortierten zum Undrafted Free Agent
Dass Vinatieri überhaupt professionellen Football spielte, grenzte an ein Wunder. An der Division-II-Universität South Dakota State traf er über vier Jahre hinweg nur ein Field Goal mehr, als er verfehlte. Als Senior verwandelte er gerade einmal 33 Prozent seiner Versuche und wurde zur Saisonmitte sogar von einem Defensive Lineman namens Jim Remme von der Kicking-Position verdrängt.
Vinatieri blieb unentdeckt vom NFL Draft. Statt aufzugeben, suchte er sich Doug Blevins als Kicking-Coach – ein Mann, der selbst nie eine Football-Sekunde gespielt hatte, da er mit einer Zerebralparese geboren wurde, aber als einer der besten Kicking-Trainer der USA galt. Vinatieri fuhr 18 Stunden am Stück quer durchs Land, schlief vor Blevins’ Haus im Auto und bat am nächsten Morgen um Training. Monatelang übten die beiden täglich, während Vinatieri sich sein Leben als Kellner finanzierte.
Über ein Jahr in NFL Europe, bei den Amsterdam Admirals, verschaffte ihm schließlich die Aufmerksamkeit von NFL-Scouts – ausgerechnet von den beiden Teams, bei denen er später seine gesamte 24-jährige Karriere verbringen sollte: den Patriots und den Indianapolis Colts.
Bill Parcells’ harte Schule hilft Adam Vinatieri
Sein erstes Trainingscamp bei den Patriots im Sommer 1996 war eigentlich nur dazu gedacht, den etablierten Kicker Matt Bahr unter Druck zu setzen. Head Coach Bill Parcells ließ Vinatieri wissen, dass er ihm die Chance gebe, sich zu beweisen – entweder er überzeuge, oder er könne seine Sachen packen und gehen.
Auch nachdem Vinatieri sich im Camp gegen Bahr durchgesetzt hatte, blieb sein Platz im Kader unsicher. Nach mehreren verpassten Field Goals in den ersten Spielwochen bezeichnete Parcells ihn öffentlich gegenüber Reportern als „week-to-week“ – eine Formulierung, die Vinatieri später als klare Drohung verstand. Parcells trieb ihn in Trainingseinheiten bis an seine Grenzen und provozierte ihn vor wichtigen Kicks bewusst, indem er sich demonstrativ vor ihm über den Abschlagspunkt stellte.
Genau in dieser angespannten Atmosphäre kam es zum entscheidenden Spiel gegen die Jaguars in Week 4 – jenem Kick, der seine Karriere retten sollte.
Der Beginn einer Legende in New England
Der Rest ist NFL-Geschichte. Vinatieri blieb ein Jahrzehnt in New England, gewann mit den Patriots zwei Super Bowls und traf 2001 im AFC Divisional Round gegen die damaligen Oakland Raiders – mitten im Schneesturm – einen 45-Yard-Kick, den Bill Belichick später als „den größten Kick aller Zeiten“ bezeichnete. Der Ball flog kaum 20 Fuß hoch über den eigenen Long Snapper hinweg, doch er saß. Wenig später entschied Vinatieri die Partie in der Overtime mit einem 23-Yard-Field-Goal.
Der Wechsel nach Indianapolis
2006, unzufrieden mit den Vertragsangeboten der Patriots, stand Vinatieri kurz davor, zu den Green Bay Packers zu wechseln. Erst als Colts-Head-Coach Tony Dungy die Nachricht im Fernsehen sah und seinen General Manager Bill Polian fragte, ob man nicht Kontakt aufnehmen solle, änderte sich sein Weg. Die Colts sicherten sich seine Dienste – und sollten es nicht bereuen: Neun Monate später erzielte Vinatieri im AFC Divisional Game in Baltimore die entscheidenden Punkte, drei Wochen später holten die Colts den Super Bowl. Es war sein vierter Titel in sechs Jahren.
In Indianapolis wurde Vinatieri zur Institution. Teamkollegen wie Shaquille Leonard, zwei Jahrzehnte jünger als er, nannten ihn respektvoll-scherzhaft einen „Ziegenbock“, wenn der mittlerweile 47-Jährige durch die Kabine schlenderte. Andrew Luck erzählte gerne, dass er als Sechsjähriger bei einem Spiel der Amsterdam Admirals zusah – und Jahre später ausgerechnet von jenem Kicker, den er damals bewunderte, seinen ersten NFL-Sieg geschenkt bekam.
Rekorde, die für sich sprechen
Am Ende seiner Karriere stehen Zahlen, die seine gesamte Geschichte noch unwahrscheinlicher wirken lassen:
- 2.673 Punkte – NFL-Rekord als All-Time Scoring Leader
- 655 verwandelte Field Goals in Regular Season und Playoffs zusammen – ebenfalls Bestmarke
- 44 Field Goals in Folge – NFL-Rekord
Der Kicker, den Bill Parcells 1996 fast entlassen hätte, weil South Dakota State ihn kaum für die NFL empfahl, beendete seine Laufbahn als statistisch bester Kicker der Liga-Geschichte.
Fazit: Eine Karriere, die keinen Sinn ergeben sollte
Vinatieris Weg widersprach jeder Logik. Ein Division-II-Kicker mit einer Trefferquote von gerade einmal 33 Prozent im letzten College-Jahr, undrafted, ohne Rückhalt beim eigenen Coach – und am Ende der zuverlässigste Clutch-Kicker der NFL-Geschichte. Selbst Parcells räumte Jahre später ein, dass er nie erwartet hätte, dass sein einstiger Rookie einmal als einer der größten Kicker aller Zeiten gehandelt werden würde.
Was als Absicherungsmaßnahme begann – ein Trainingscamp-Kandidat, der nur dazu da war, einen Stammkicker wachzurütteln – wurde zu einer 24-jährigen Karriere mit vier Super-Bowl-Ringen und einem Platz in Canton. Mit seiner Aufnahme in die Pro Football Hall of Fame wurde diese Karriere endgültig gewürdigt.
Quelle: Dieser Artikel basiert auf der Recherche von Zak Keefer, veröffentlicht bei The Athletic.