
Zum ersten Mal in der Geschichte der NFL findet ein reguläres Saisonspiel in Australien statt – und ausgerechnet zwei NFC-West-Rivalen dürfen in dieses Kapitel Geschichte schreiben. Die Los Angeles Rams treffen im Week 1 auf die San Francisco 49ers, wenn am 11. September in Melbourne angepfiffen wird. Neben der sportlichen Brisanz sorgt vor allem ein Thema abseits des Feldes für Gesprächsstoff: die Anreise. Und die könnte für beide Teams unterschiedlicher kaum ausfallen.
Ein Spiel, zwei Philosophien
Das Duell zwischen Rams und 49ers beginnt um 10:35 Uhr Ortszeit in Melbourne. Für Fans in den USA bedeutet das einen Donnerstagabend-Kickoff um 20:35 Uhr Eastern Time – und für uns in Deutschland heißt es früh aufstehen oder lange wachbleiben: Der Anpfiff fällt hierzulande auf Freitag, 2:35 Uhr MESZ. Grund für diese ungewöhnlichen Zeiten ist die 14-stündige Zeitverschiebung zwischen Melbourne und der US-Ostküste. Noch drastischer wird es für die beiden Teams selbst: Da sowohl Rams als auch 49ers an der Pacific Time Zone beheimatet sind, müssen sich die Spieler auf einen Zeitunterschied von satten 17 Stunden einstellen.
Genau hier beginnt die eigentliche Geschichte dieses Spiels. Denn während es für die NFL primär um ein Marketing-Ereignis Down Under geht, wird für die Teams die Reiseplanung zu einer echten strategischen Entscheidung – und möglicherweise zu einem entscheidenden Faktor für den Spielausgang.
Die Rams setzen auf die kurze, knackige Variante
Sean McVay und sein Staff haben bereits im vergangenen Jahr bewiesen, dass sie beim Thema internationale Reisen keine Angst vor unkonventionellen Wegen haben. Beim Week-7-Spiel in London gegen die Jacksonville Jaguars landeten die Rams erst einen Tag vor dem Spiel auf der Insel – und gewannen trotzdem souverän mit 35:7. McVay verglich sein Team im Nachhinein augenzwinkernd mit einer Spezialeinheit: Man sei rein- und wieder rausgekommen, bevor irgendjemand überhaupt gemerkt habe, was passiert sei.
Zu den konkreten Plänen für Australien hielt sich McVay zunächst bedeckt. Auf die Frage, ob die Reiseplanung bereits final sei, antwortete er nur ausweichend, dass er zwar einen Plan habe, diesen aber intern behalten wolle – auch wenn er die Journalisten damit enttäuschen müsse. Immerhin so viel ließ der Rams-Coach dann aber doch durchblicken:
Der Ansatz werde dem Londoner Modell ähneln. Es gehe vor allem darum, die Spieler so nah wie möglich an ihrer gewohnten Routine und ihrem Rhythmus zu halten, so McVay. Das Ganze sei auch für die Rams selbst absolutes Neuland, gerade bei einer derart weiten Reise. Er vertraue aber seiner Mannschaft und wolle vor allem das tun, was für die Spieler am besten sei – das habe für ihn stets Priorität.
Rechnet man den Flug von Los Angeles nach Melbourne durch – knapp 16 Stunden Flugzeit –, ergeben sich für die Rams realistische Szenarien: Fliegen sie wie in London erst einen Tag vor dem Spiel, müssten sie am Dienstag, 8. September, starten und würden am Donnerstag, 10. September, in Melbourne landen. Rund 24 Stunden später stünde dann bereits der Kickoff an. Da das Spiel in Australien aber morgens angepfiffen wird – anders als das Londoner Spiel, das erst am Nachmittag Ortszeit startete – ist auch ein etwas früherer Abflug am Montag, 7. September, mit Ankunft am Mittwoch denkbar.
Der Denkansatz dahinter: Wer nur extrem kurz vor Ort ist, muss sich biologisch gar nicht erst an die neue Zeitzone gewöhnen – und kann nach der Rückkehr entsprechend schneller wieder in den gewohnten Rhythmus zurückfinden. Ein cleverer Trick, sofern der Körper mitspielt. Genau das bereitet allerdings Matthew Stafford offenbar Sorgen. Der Rams-Quarterback ließ bereits im Februar halb scherzhaft durchblicken, dass er sich angesichts des langen Flugs eher um seinen Rücken als um das Spiel selbst sorge. Bei zwei Langstreckenflügen von jeweils 16 Stunden innerhalb weniger Tage durchaus ein berechtigter Punkt.
Die 49ers gehen den komplett entgegengesetzten Weg
Während sich die Rams in Schweigen hüllten, machte Kyle Shanahan schon kurz nach Veröffentlichung des Spielplans im Mai reinen Tisch. Die 49ers brechen bereits am Mittwoch, 2. September, auf und werden voraussichtlich am 4. September in Melbourne landen – satte neun Tage vor dem eigentlichen Spiel.
Der Hintergrund: Shanahan glaubt nicht daran, dass sich der Körper innerhalb weniger Tage an eine 17-Stunden-Verschiebung anpassen kann. Bei einem derart langen Flug wolle man eben nicht erst einen Tag vorher ankommen, erklärte der 49ers-Coach, da man dadurch praktisch einen ganzen Tag oder mehr verliere und einfach nicht in der Verfassung sei, normal zu funktionieren.
Noch deutlicher wurde er mit Blick auf Gespräche mit Reise- und Schlafexperten: Die Leute, mit denen man gesprochen habe, hätten ihm gesagt, dass man sich erst am dritten oder vierten Tag wieder normal fühle. Deshalb wolle man am liebsten sieben Tage vorher anreisen – da die Reise selbst aber schon anderthalb Tage in Anspruch nehme, plane man lieber neun Tage im Voraus. Man fliege demnach am Mittwoch los und lande am Freitag, sodass man letztlich rund sieben volle Tage vor dem eigentlichen Spiel vor Ort sei.
San Francisco setzt also auf maximale Akklimatisierung statt auf einen kurzen Blitzbesuch – eine Philosophie, die diametral der Rams-Strategie entgegensteht. Sollte sich Shanahans Ansatz als richtig erweisen, könnte der Kurztrip der Rams am Ende zum Bumerang werden.
Unsicherheitsfaktor: Shanahans Gesundheitszustand
Für zusätzliche Brisanz sorgt eine Verletzung von Shanahan selbst: Der 49ers-Head-Coach erlitt am 14. Juli bei einem Autounfall mehrere ernsthafte Verletzungen. Ob er die Reise nach Australien überhaupt antreten kann, steht aktuell noch nicht fest. General Manager John Lynch zeigte sich zuletzt aber vorsichtig optimistisch: Von den Ärzten habe er zumindest keine gegenteiligen Signale erhalten. Wie schon bei den Spielern gelte auch bei Shanahan, dass der Heilungsprozess seinen eigenen Zeitplan habe und bestimmte Meilensteine erreicht werden müssten – die Erwartung sei aber, dass es ihm schon deutlich vor dem eigentlichen Reisetermin wieder besser gehen werde.
Warum diese Reisepläne für die gesamte Liga interessant sind
Da die NFL in den kommenden Jahren weitere Spiele in Australien austragen möchte, dürfte dieses Duell zwischen Rams und 49ers zum Blaupausen-Fall werden. Setzt sich das Team mit der besseren Reisestrategie am Ende auch auf dem Feld durch, ist davon auszugehen, dass künftige Franchises genau dieses Modell kopieren werden.
Nebenbei bemerkt: Die 49ers bestreiten in dieser Saison mit dem Spiel in Mexico City noch eine zweite internationale Partie – für San Francisco könnte damit sogar ein Franchise-Rekord bei den meisten Reisemeilen einer Saison fallen. Die Rams belegen in dieser Statistik ligaweit immerhin Rang zwei. Wer bei beiden Teams Flugangst hat, dürfte in dieser Saison also einige unruhige Nächte vor sich haben.
🔖 Hier findest du mehr Info zu den NFL International Games
Fazit
Zwei NFC-West-Rivalen, ein historisches Spiel – und zwei komplett gegensätzliche Antworten auf dieselbe Frage. Während McVay und die Rams auf einen minimalinvasiven Blitztrip setzen und dabei bewusst auf Routine und Rhythmus vertrauen, wählen Shanahan und die 49ers den Weg der vollständigen Akklimatisierung mit einer neuntägigen Anreise. Am Ende könnte genau dieser Faktor – Jetlag, Schlafqualität, mentale Frische – den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage beim ersten NFL-Spiel in Australien ausmachen. Und wer in Deutschland um 2:35 Uhr nachts noch wachbleibt, um live dabei zu sein, darf gespannt sein, welches Reisekonzept sich durchsetzt.
Quellen:
Rams, 49ers taking opposite travel approaches for NFL’s first Australia game in Week 1 – CBS Sports
Rams making different travel plans than 49ers – Yahoo Sports