Die San Francisco 49ers Gold Rush Cheerleaders führen beim Melbourne Cheer Challenge über 1.400 Teilnehmer an – neuer Guinness-Weltrekord für die größte Cheerdance-Performance
Die San Francisco 49ers Gold Rush Cheerleaders führen beim Melbourne Cheer Challenge über 1.400 Teilnehmer an – neuer Guinness-Weltrekord für die größte Cheerdance-Performance | Quelle: IMAGO / ZUMA Press Wire

Die Los Angeles Rams sind der jährlichen Invasion von San Francisco 49ers-Fans im heimischen SoFi Stadium in dieser Saison zwar entkommen – doch beim Saisonauftakt in Australien werden sie trotzdem jede Menge Rot zu sehen bekommen. Es ist das erste NFL-Spiel überhaupt auf dem australischen Kontinent, und die 49ers-Anhänger lassen sich diesen historischen Moment nicht entgehen.

Kein Wunder: 49ers-Fans gelten ohnehin als die reisefreudigsten der gesamten Liga. Und in Australien gibt es schon jetzt jede Menge von ihnen. Laut NFL sind die 49ers das mit Abstand populärste Team des Landes – obwohl sie nicht einmal zu den vier Franchises zählen, die offizielle Marketingrechte in Australien besitzen. Diese liegen bei den Rams, den Philadelphia Eagles, den Las Vegas Raiders und den Seattle Seahawks.

Anreise, Kick-off und die Geschichte dahinter

Während die 49ers bereits seit Tagen in Melbourne sind und längst in die australische Sportkultur eingetaucht sind, machen sich die Rams erst jetzt allmählich auf den Weg – sie werden traditionell knapper vor dem Spiel anreisen.

Wie unterschiedlich beide Franchises ihre Australien-Reise strategisch angehen, haben wir bereits in unserem Artikel „Kurztrip vs. Akklimatisierung: Wie Rams und 49ers die Australien-Reise strategisch angehen“ im Detail beleuchtet.

Angepfiffen wird lokal am 11. September um 10:35 Uhr – für Fans in den USA bedeutet das einen Kick-off am Vorabend, dem 10. September, um 20:35 Uhr Eastern Time (in Deutschland ist es dann bereits 2:35 Uhr in der Nacht auf den 11. September). Übertragen wird die Partie exklusiv auf Netflix – der Streaming-Riese eröffnet mit dem Melbourne-Spiel seine komplette NFL-Saison 2026/27 und ist damit auch für Fans in Deutschland der zentrale Anlaufpunkt für den Auftakt.

Welche weiteren Spiele des ersten Spieltags im Free-TV und im Stream laufen, haben wir separat für euch zusammengefasst: „NFL Week 1: Wo läuft was im Free-TV und im Stream?“

Deebo Samuel und Trent Williams von den San Francisco 49ers beim Australian-Football-Spiel zwischen den Geelong Cats und Carlton Blues im Melbourne Cricket Ground
Deebo Samuel und Trent Williams von den San Francisco 49ers beim Australian-Football-Spiel zwischen den Geelong Cats und Carlton Blues im Melbourne Cricket Ground | Quelle: IMAGO / AAP

Die enorme Popularität der 49ers in Australien erklärt sich vor allem historisch. NFL Australia and New Zealand-Geschäftsführerin Charlotte Offord verweist auf die goldenen 1980er-Jahre, als San Francisco eines der dominierenden Teams der Liga war – genau in der Zeit, als viele Australier überhaupt erst begannen, sich mit der NFL zu beschäftigen. Wer damals zu den 49ers fand, blieb ihnen oft treu.

Ein gutes Beispiel dafür ist Steve Moss, ein 50-jähriger Fan aus Brisbane, der beim Spiel im Melbourne Cricket Ground – Kapazität bis zu 100.024 Zuschauer – im 49ers-Trikot dabei sein wird. Sein Einstieg in die NFL kam über das Videospiel „John Madden American Football“ auf dem Sega Mega Drive, dem australischen Pendant zum Sega Genesis. Zu dieser Zeit gewannen die 49ers Super Bowls, Joe Montana war eine globale Sportikone, und San Francisco wurde zu Moss‘ Team.

Von Jarryd Hayne zu Joe Staley: Wie die Liebe zur NFL wächst

Über zwei Jahrzehnte hinweg entfernte sich Moss vom Sport, während die 49ers ihren Thron verloren. Zurückgeholt hat ihn ausgerechnet ein australischer Rugby-League-Star: Als Jarryd Hayne, zuvor gefeierter Profi in der National Rugby League, 2015 einen Kaderplatz bei den 49ers ergatterte, war Moss sofort wieder dabei.

Als Erwachsener habe er die Choreografie und die taktische Arbeit hinter jedem Spielzug ganz anders wahrgenommen als in seiner Jugend, erklärt Moss. Der Sport unterscheide sich fundamental vom australischen Football-Code, fasziniere ihn aber gerade deshalb. Seine Formel dafür: Gekommen sei er wegen Jarryd Hayne, geblieben sei er wegen Joe Staley.

Für australische Fans wie ihn ist die NFL ein Mix aus Vertrautem und Fremdem. Das Land hat mit Australian Rules Football eine eigene, äußerst populäre Fußballvariante – ein Spiel über vier Viertel mit harten Zweikämpfen, ovalem Ball und Torstangen. Die Australian Football League (AFL) ist der meistbesuchte Zuschauersport des Landes, und die Hälfte ihrer 18 Teams sitzt in Melbourne. Kein Zufall also, dass genau diese Stadt für das historische NFL-Spiel ausgewählt wurde – auch wenn sich die NFL-Partie mit der heißen Phase der AFL-Play-offs überschneidet.

Touchdown-Jubel trifft auf „Tall Poppy Syndrome“

Konzepte wie der Forward Pass, Polycarbonat-Helme oder das ständige Stop-and-go des Spiels wirken auf australische Zuschauer dagegen fremd. Ebenso ungewohnt: die exzessiven Jubelszenen nach nahezu jedem Spielzug.

Moss beschreibt es so: Wenn ein Defensivspieler einen Sack verbucht, springt er herum, als hätte er gerade den Super Bowl gewonnen. Jeder Touchdown werde zum Großereignis gefeiert – selbst wenn das eigene Team gerade deutlich zurückliegt. In Australien sei das unüblich: Wer gut tackelt oder punktet, mache schlicht seinen Job, ohne großes Aufheben darum zu machen.

Punter Jack Bouwmeester, gebürtig aus Bendigo, verbrachte die Offseason bei den 49ers und steht aktuell im Practice Squad der Rams. Er nennt das Phänomen „Tall Poppy Syndrome“: Wer sich zu weit aus der Masse hervorhebt, wird zurückgestutzt – wie eine Mohnblume, die höher wächst als der Rest des Feldes. Wer in Australien etwas Gutes leiste, werde eher kleingemacht als gefeiert. Bescheidenheit sei Pflicht, man bedanke sich beim Team, statt sich selbst zu feiern.

Moss ergänzt, die typisch australische Reaktion auf zu viel Selbstdarstellung laute sinngemäß: „Jetzt mal halblang, Kumpel.“ Genau das bringe das Tall Poppy Syndrome auf den Punkt.

Gerade dieser Kontrast mache für viele Australier den Reiz der NFL aus, so Bouwmeester. Große Persönlichkeiten wie Joe Staley oder George Kittle seien in der heimischen Sportkultur schlicht unüblich. In den USA dürfe man selbstbewusst auftreten und nach einem starken Spiel offen sagen, dass man dominiert habe – in Australien käme das gar nicht gut an.

Wachsende Fangemeinde: Von 5,7 auf 8,8 Millionen Follower

Dass die NFL ihr erstes Spiel überhaupt in Australien ausgetragen hat, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines rasanten Wachstums der vergangenen fünf Jahre. 2022 zählte die Liga laut Offord 5,7 Millionen Follower in Australien, im vergangenen Jahr waren es bereits 8,8 Millionen – bei einer Gesamtbevölkerung von rund 28 Millionen Menschen.

Die zehn beliebtesten Teams des Landes sind demnach in dieser Reihenfolge: 49ers, Kansas City Chiefs, Eagles, Green Bay Packers, New England Patriots, Dallas Cowboys, Rams, Seahawks, Buffalo Bills und Baltimore Ravens.

Die Liga investiert seit Jahren gezielt in den australischen Markt – die Rams betreiben eigenes Marketing dort bereits seit 2021. Auch Flag Football-Klinik-Angebote und -Ligen erfreuen sich wachsender Beliebtheit, ebenso wie Fantasy Football. Offord verweist zudem auf die ausgeprägte Sportwetten-Kultur des Landes, die mit dem Fantasy-Football-Boom eng zusammenhänge.

Bouwmeester bestätigt das aus seinem eigenen Umfeld: Praktisch alle seine engsten Freunde spielen Fantasy Football. Seit seinem Einstieg als Punter im Jahr 2018 sei die Zahl der Podcasts und Diskussionen über die NFL spürbar gewachsen – auch bei seinen eigenen Eltern habe das Verständnis fürs Spiel den Spaß daran deutlich erhöht.

Kein Terminkonflikt – und ein Super Bowl am Montagmorgen

Ein weiterer Vorteil für die NFL: Es gibt kaum Überschneidungen mit den heimischen Rugby- und Football-Saisons. Die AFL endet Ende September, die NRL wickelt ihre Saison bis etwa Woche 5 der NFL-Saison ab. Ab diesem Zeitpunkt steigt das australische Interesse an der NFL spürbar an – bis hin zum Super Bowl, der dort montags um 9:30 Uhr Ortszeit übertragen wird.

Moss erinnert sich, dass noch vor einigen Jahren nur echte Hardcore-Fans die Partie heimlich auf dem Handy bei der Arbeit verfolgten. Mittlerweile nehmen sich viele extra frei, es gibt Public-Viewing-Partys, und Hotels erhalten Sondergenehmigungen, um bereits am frühen Morgen Alkohol auszuschenken. Der Super Bowl sei in den vergangenen fünf Jahren spürbar größer geworden.

Moss selbst zählt seit rund einem Jahrzehnt zu den Hardcore-Fans, gibt aber zu, während laufender 49ers-Spiele meist arbeiten zu müssen – Wiederholungen schaut er sich dann im Schnelldurchlauf an, Unterbrechungen und Werbung inklusive übersprungen.

Das Spiel in Melbourne wird für ihn die erste Live-Erfahrung im Stadion sein. Er freut sich auf Strategie, Drama und Intensität – all das, was ihn an der NFL fasziniert. Wie seine Frau reagieren wird, die mit dem Sport bislang wenig zu tun hatte, weiß er dagegen noch nicht genau. Er ist sich aber sicher, dass sie die Atmosphäre lieben wird, auch wenn ihr die taktischen Feinheiten des Spiels verborgen bleiben dürften. Melbourne, so seine Erwartung, werde bei der Ausrichtung des Events ganze Arbeit leisten.