Lane Johnson tritt zurück, Cam Jurgens geht nach Baltimore: Wie die Eagles mit ausgedünnter Offensive Line ins NFL London Game gegen die Jaguars starten.
Lane Johnson tritt zurück, Cam Jurgens geht nach Baltimore: Wie die Eagles mit ausgedünnter Offensive Line ins NFL London Game gegen die Jaguars starten. | Quelle: IMAGO / Icon Sportswire

Ein Rücktritt, ein Trade, eine Verletztenliste in Überlänge und ein Transatlantikflug: Die Philadelphia Eagles gehen mit einer dezimierten Offensive Line in das London Game gegen die Jacksonville Jaguars. Nur zehn Tage zuvor waren sie noch ungeschlagen und klarer Favorit. Jetzt stehen sie bei zwei Niederlagen in Folge und fragen sich, wohin die Reise führt.

Zehn Tage, die alles verändert haben

Die Ausgangslage hat sich drastisch gedreht. Die Eagles waren ungeschlagen und gegen einen Backup-Quarterback auf der großen TV-Bühne klar favorisiert. Dann folgten zwei Niederlagen. Kurz vor dem Abflug nach England kamen zwei Personalentscheidungen dazu, die die Fanbase zusätzlich aufgewühlt haben:

Die Frage, die seitdem durch Philadelphia und die Liga geistert: Haben die Eagles die Saison innerlich schon abgeschrieben?

Roseman: „Silo-Denken“ statt Aufgabe

General Manager Howie Roseman wies diesen Verdacht zurück. An den Saisonzielen habe sich nichts geändert, man wolle in diesem Jahr gewinnen. Seine Aufgabe sei es aber auch, langfristig erfolgreich zu bleiben, und Second-Round-Picks plus Flexibilität bekomme man nicht oft angeboten.

Der zeitliche Zusammenhang von Rücktritt und Trade wirkt wie ein Gesamtpaket. Roseman betonte jedoch, beide Entscheidungen seien unabhängig voneinander getroffen worden, jede in ihrem eigenen „Silo“. Johnsons Abschied beschönigte er nicht: Wer einen solchen Spieler verliere, werde nicht besser.

👉 Wie konsequent Roseman diesen Kurs beim Salary Cap fährt, haben wir bereits genauer beleuchtet: Big Spender In Philly: Revolutionieren Die Eagles Das Salary-Cap-Game?

Der Jurgens-Trade: Was die Eagles bekommen

Für Roseman sprechen vier Argumente für den Deal:

  1. Ein Second-Round-Pick 2028
  2. Ein Upgrade im 2027er Draft von der siebten in die fünfte Runde
  3. Mehr Entwicklungszeit für Drew Kendall, den Center im zweiten Jahr
  4. Cap-Space, der sich anderweitig einsetzen lässt

Auf dem Papier ist das ein ordentlicher Return, zumal die Eagles 2028 ohnehin gut ausgestattet sind: zwei First-Round- und zwei Second-Round-Picks. Das erinnert an 2022, als eine Serie von Trades die Grundlage für gleich zwei Super-Bowl-Kader legte.

Trotzdem bleibt ein Beigeschmack. Jurgens war vor 18 Monaten noch ein Eckpfeiler, mit einer Vertragsverlängerung, die ihn zum zweitbestbezahlten Center der Liga machte. Und er war ein wichtiger Spieler im Super-Bowl-Team, der sich trotz einer üblen Rückenverletzung durchbiss. Ein Hinweis auf schwindendes Vertrauen: Jurgens wurde in dieser Saison auf Left Guard verschoben. Offiziell ging es darum, die beste Fünferkombination aufs Feld zu bringen. Wer aber einen Pro-Bowl-Center gegen einen Zweitjahresspieler mit wenig Erfahrung tauscht, hält ihn wohl nicht mehr für elitär auf dieser Position. Seine zuletzt wackligen Auftritte als Guard sprechen zudem dafür, dass er auf der Center-Position am besten aufgehoben ist.

Die Kabine: Weitermachen statt Abschreiben

Für die Kabine ist ein Trade, der vor allem dem 2028er Kader hilft, naturgemäß kein Rallye-Ruf. Jordan Mailata sprach von einer brutalen Erinnerung daran, wie knallhart das Geschäft sei und dass man nie wisse, wann man zum letzten Mal mit einem Mitspieler auf dem Feld stehe. Verarbeiten könne er das in seiner Freizeit. Im Team-Gebäude gelte: nach vorne schauen und für die Kollegen da sein.

Jalen Hurts blieb bei der Marathon-Metapher. Veränderungen und Verletzungen gehörten dazu, man müsse sich vorbereiten, lernen und weiter aufbauen. Beide Captains wehrten sich gegen die Lesart, die Franchise gebe die Saison auf. Für sie ist die Sache zudem persönlich: Mailata und Hurts erlebten die beste Saison von Jurgens mit und spüren nun als Erste die Unerfahrenheit in einer Line, die lange ein Stärkefeld war.

Verletzungsliste: Das eigentliche Problem

Roseman denkt in Draft-Jahrgängen, Hurts und die Coaches denken an den nächsten Sonntag. Und der sieht düster aus. Die Eagles gehen als 7,5-Punkte-Underdog gegen Jacksonville ins Spiel, einer der größten Spreads in der Amtszeit von Head Coach Nick Sirianni. Dazu kommen:

  • Landon Dickerson fällt bereits aus.
  • Saquon Barkley plagt sich mit einer Hamstring-Verletzung herum, laut Liga-Quelle „week-to-week“. Ausgeschlossen ist ein Einsatz nicht, aber unwahrscheinlich.
  • DeVonta Smith verpasste wegen einer Hamstring-Blessur das letzte Spiel und fehlte auch im Training.
  • Dallas Goedert kehrt langsam zurück, war aber nach zwei verpassten Spielen nur eingeschränkt dabei.
  • Drew Kendall verpasste wegen einer Knieverletzung ein Training.
  • Defensiv ist unter anderem Edge Rusher Jonathan Greenard angeschlagen.

Bis zu sechs Week-1-Starter der Offense könnten fehlen. Das ist kein Plan, den man im Sommer gezeichnet hat.

Running Back: Die Stunde von Shipley und Pierce

Besonders dünn wird es im Backfield. Tank Bigsby, Barkleys wichtigster Backup, steht auf der Injured Reserve. Gesund sind noch Will Shipley und Dameon Pierce, der aus dem Practice Squad in den aktiven Kader befördert wurde.

Shipley, 2024 in der vierten Runde gedraftet und nun im dritten Jahr, kommt bislang auf 63 Carries und 18 Receptions (Regular Season und Playoffs). Er dürfte starten, die Erwartungen sollten aber moderat bleiben: Barkley ist nicht zu ersetzen, und Bigsbys Explosivität bringt Shipley ebenfalls nicht mit. Pierce bringt mit 428 Carries deutlich mehr Erfahrung mit, Sirianni nannte ihn einen „NFL starting running back“. Realistisch brauchen die Eagles beide.

Sirianni: „Lock arms“

Siriannis Botschaft an die Mannschaft ist knapp: „Lock arms and let’s go!“ Panik helfe nicht, es gehe darum, Lösungen zu finden. Und er erinnert gern an 2024: Auch damals standen die Eagles nach vier Spielen bei 2-2 und waren Gegenstand der Kritik. Am Ende ging es bis in den Super Bowl. Der Ton in den Talk-Radio-Sendungen klang im Februar ganz anders als im Oktober.

Dazu passt, dass Philadelphia seit 2021, Siriannis erstem Jahr, keine negative Bilanz mehr hatte und als Underdog von mehr als einem Touchdown eine Seltenheit ist. Eine Mannschaft, die den Rücktritt einer Legende und den Trade eines respektierten Veterans verkraften muss, steht an einem Wendepunkt, und das auch noch mit einem Flug über den Atlantik rund 36 Stunden vor dem Kickoff.

Meinung von der Couch

Ich glaube Howie Roseman, dass die beiden Entscheidungen unabhängig voneinander gefallen sind. Aber ich glaube nicht, dass die Kabine das genauso empfindet. Wenn binnen 24 Stunden der beste Tackle der Franchise aufhört und der Center nach Baltimore geht, ist das Timing für die Mannschaft schlicht brutal, egal wie clever der Deal auf dem Papier aussieht.

Für das Spiel in Tottenham heißt das: Die Jaguars müssen dieses Mal nicht viel erfinden. Eine ausgedünnte Offensive Line, ein ersatzgeschwächtes Backfield und möglicherweise ein fehlender Barkley sind genug, um Hurts das Leben schwer zu machen. Ich erwarte, dass Philadelphia früh auf das Run Game setzen will und trotzdem schnell merkt, wie viel Druck von der Pass Rush kommt.

Und dennoch: Wer die Eagles der vergangenen Jahre kennt, schreibt sie ungern ab. Sollte es in London nicht klappen, wird die Trade-Deadline-Debatte schnell lauter. Ich bin gespannt, was ich vor Ort von dieser Mannschaft sehe.

👉 Wie ich mich auf das Wochenende einstimme, inklusive Old Trafford-Abstecher, liest du hier: London Calling: Eagles Vs. Jaguars & Old Trafford-Abstecher