
J.J. McCarthy Vikings: Dieses Kapitel ist beendet, und es endete schneller, als es sich irgendjemand in Minnesota ausgemalt hatte. Der Trade zu den New York Giants für einen Fifth-Round Pick ist nur der Schlusspunkt. Die eigentliche Geschichte beginnt viel früher: mit einem Quarterback, der mehr Zeit gebraucht hätte, und einer Franchise, die keine mehr hatte.
Ein Frühjahr voller Weichenstellungen
Alles Wesentliche entschied sich im März 2025. Kevin O’Connell telefonierte damals mehrfach mit Aaron Rodgers, und in der Organisation wurde tagelang diskutiert, ob der künftige Hall of Famer als Brückenlösung kommen sollte. Ein Mitarbeiter beschrieb die Stimmung als beängstigend: Die Entscheidung sei offen gewesen, während man die übrigen Optionen durchging.
Die Vikings steckten wieder einmal in dem, was man das Bermuda-Dreieck der NFL nennen könnte: der Ungewissheit auf der Quarterback-Position. Gemeinsam mit dem damaligen General Manager Kwesi Adofo-Mensah hatte O’Connell darauf verzichtet, Sam Darnold langfristig zu binden. Darnold ging zu den Seahawks. Daniel Jones wiederum, der im November zuvor zum Practice Squad gestoßen war, wollte nicht zurückkehren und suchte sein Glück in einem Starter-Duell bei den Colts. Selbst der Abgang von Backup Nick Mullens zu den Jaguars traf das Team unerwartet.
Übrig blieb McCarthy, von dem viele in der Football-Abteilung glaubten, er brauche noch Schliff, bevor er Verantwortung für ein Team mit Playoff-Ambitionen übernehmen könne. Selbst einflussreiche Stimmen sprachen sich für Rodgers aus. Am Ende entschied man sich dagegen, auch weil Zweifel an der Passung bestanden und die Sorge im Raum stand, McCarthys Lager könnte einen Trade fordern. Die Vikings setzten auf ihn und hofften, eine bewusst gebaute Struktur würde sein Wachstum beschleunigen.
Die Einschätzung vor dem Draft
Bemerkenswert: Skepsis gab es schon vor der Wahl 2024. Ein AFC-Executive sah in McCarthy keinen First-Round Pick, ein NFC-Scout bewertete Spencer Rattler höher, ein weiterer Evaluator sah „mehr Talent als Feinschliff“ und zweifelte an der geringen Widerstandserfahrung aus der College-Zeit in Michigan. Auch die Vikings selbst hätten laut Teamquellen einen der drei Top-Quarterbacks (Caleb Williams, Jayden Daniels, Drake Maye) bevorzugt.
Als diese drei früh vom Board waren, gaben alle Entscheider grünes Licht und tradeten auf Pick 10 hoch, weil sie in McCarthy mehr Upside sahen als in Bo Nix. Die Schwächen waren bekannt: ein zu weites Ausschreiten beim Wurf und fehlendes Touch-Gefühl. Dank starkem Camp und einer überzeugenden Preseason-Premiere gegen die Raiders keimte aber echte Hoffnung. Ein NFC-Scout zeigte sich nach diesem Auftritt sogar überrascht, wie sehr ihn der Rookie fasziniert habe.
Der Meniskus, der alles verschob
Dann folgte der Meniskusriss noch vor der Rookie-Saison. Für einen Spieler, der zum ersten Mal seit Langem nicht spielen konnte, war das ein harter Einschnitt. Teamquellen und Personen aus McCarthys Umfeld räumen ein, dass diese Monate schwierig waren. Die Vikings boten ihm umfassende Unterstützung an, auch mental, und Eigentümer Mark Wilf betonte öffentlich, alle Ressourcen für die Entfaltung seines Potenzials bereitzustellen.
Während McCarthy zuschauen musste, führte Darnold das Team zu einer 14-Siege-Saison. Im Wild-Card-Spiel gegen die Rams schied Minnesota trotzdem aus, Darnold wurde neunmal gesackt.
2025: Auf und Ab ohne Rhythmus
Die Saison begann mit einem emotionalen Comeback-Sieg in Chicago. Danach zeigte sich, was der Staff schon aus dem Sommer kannte: Ohne Würfe mit Tempo in die Seams wirkte das Passspiel zerfahren, die Genauigkeit auf tiefen Routes schwankte. O’Connell versuchte, die Lage mit einem Satz über den nicht eingestürzten Himmel zu beruhigen.
In Week 2 setzte es zu Hause ein 22:6 gegen die Falcons, dazu kam eine Knöchelverletzung. Es folgten Verletzungen am Daumen, an der Hand und eine Concussion nach der Niederlage gegen die Packers in Week 12. Besonders deutlich wurde das Chaos beim Spiel gegen die Giants in Week 16, als McCarthy nach dem ersten Snap der zweiten Halbzeit mit schmerzverzerrtem Gesicht an der Seitenlinie untersucht wurde. O’Connell wusste hinterher nicht einmal zu sagen, wann sich der Spieler verletzt hatte.
Hinzu kamen Dinge abseits des Platzes, die im Haus für Stirnrunzeln sorgten: Sein „Nine“-Alter-Ego löste intern Augenrollen aus, und die Aussage, er habe sich bei einem Touchdown gegen die Cowboys in Week 15 über den Rat seiner Trainer hinweggesetzt und den „Griddy“ getanzt, irritierte Verantwortliche. Aus der Organisation hieß es, so geballte Jugend und Widerspenstigkeit sei für Coaches wie Executives schwer zu verkraften gewesen.
Am Ende verpassten die Vikings mit 9-8 die Playoffs, obwohl sie dank der starken Defense und eines gestärkten Laufspiels fünf Spiele in Folge gewannen. Ein Teammitarbeiter fasste die Saison mit den Worten zusammen, er habe mit Höhen und Tiefen gerechnet, brutal sei es dennoch gewesen.
Der Druck wächst, die Geduld schwindet
Mit dem Jahreswechsel 2026 liefen zwei Uhren gegeneinander. McCarthy hatte erst zehn Spiele auf dem Zettel und brauchte Zeit. Gleichzeitig durfte man Justin Jefferson nicht weiter vertrösten. Er hatte die turbulente Saison trotz einer Karrieretief-Marke von 1.048 Receiving Yards professionell überstanden, ohne öffentlich zu murren. Sein Frust blieb nach innen gerichtet, doch intern war klar, dass das nicht ewig so bleiben würde.
O’Connell ging zudem in seine fünfte Saison ohne Playoff-Sieg. Dass 43 Siege bei 25 Niederlagen in vier Jahren nur begrenzt Kredit verschaffen, hatte schon der Abschied von Adofo-Mensah gezeigt. Vor diesem Hintergrund fielen die Verpflichtungen von Kyler Murray und Carson Wentz. O’Connell sprach von einem Wettbewerb, doch in der Liga und im Team galt der Ausgang als vorgezeichnet.
Dazu kam die finanzielle Seite: Die Vikings schätzten Max Brosmer, und McCarthy hatte nur noch ein Jahr Rookie-Vertrag mit 3,7 Millionen Dollar für 2027. Liga-Quellen vermuteten daher früh, dass Minnesota einen Trade erwägen würde. Gesucht war nur ein Team, das für einen Spieler mit Backup-Gehalt zuschlagen würde. Die Giants waren dieses Team.
Was für die Vikings bleibt
Die Trennung öffnet eine Büchse der Pandora. Minnesota steht bei 3-0, doch Murray befindet sich noch in der Eingewöhnung in O’Connells System. Anstehende Verträge von Jordan Addison, Dallas Turner und Jalen Redmond könnten die Option erschweren, einen Quarterback teuer zu bezahlen. Spannend: Im Auswahlprozess für den neuen General Manager sollen Quarterback-Bewertungen eine zentrale Rolle gespielt haben. O’Connell verwies auf die Stärke der Front-Office-Struktur, als man ihn fragte, ob die McCarthy-Erfahrung das Team vom Draften eines Quarterbacks abschrecken könnte.
Meinung von der Couch
Ich glaube, dass hier niemand allein schuld ist, und genau das macht den Fall so lehrreich. O’Connell hat selbst einmal den Satz geprägt, Organisationen würden junge Quarterbacks im Stich lassen, bevor diese die Organisation im Stich lassen. In Minnesota lässt sich der Satz kaum auflösen: Ein Rohdiamant, der Verletzungen und Reife-Themen mitbrachte, traf auf ein Umfeld, das keine Zeit zum Schleifen hatte.
Spannend wird, wie die Vikings daraus lernen. Und bei McCarthy werde ich genau hinschauen, ob er bei den Giants unter John Harbaugh ohne Druck die Basics lernt, die ihm in Minnesota fehlten. Für mich bleibt es eine Mahnung an alle Teams: Geduld ist leicht gepredigt und schwer gelebt, wenn die Gegenwart zählt.
Quelle: Recherche von Alec Lewis, veröffentlicht bei The Athletic.