
Drei Jahre lang war Matt LaFleur als Playcaller der Green Bay Packers einer der laufsstärksten Head Coaches der gesamten NFL – und das, obwohl er seinen Quarterback Jordan Love öffentlich in den höchsten Tönen lobt. Nun deutet sich an, dass die Packers-Offense 2026 ein neues Gesicht bekommen könnte. Der Auslöser: eine beiläufige Aussage aus dem Trainingslager, die in Green Bay für Diskussionsstoff sorgt.
Eine lockere Anekdote mit Symbolkraft
Am dritten Tag des Trainingslagers befand sich LaFleur in bester Laune. Sein 13-jähriger Sohn Ty hatte tags zuvor im Umkleideraum Reporter-Fragen an die Spieler gestellt, und LaFleur wollte von den anwesenden Journalisten wissen, was sein Sohn gefragt hatte. Ein Reporter scherzte, Ty habe sich erkundigt, ob die Packers öfter laufen sollten. Als LaFleur zurückfragte, ob die Presse das ebenfalls so sehe, kam die Antwort prompt: Nein – ob er seinem Quarterback dieses Jahr nicht endlich mehr Freiheiten geben wolle. LaFleur lächelte und bestätigte, genau das sei der Plan.
Die kurze Szene machte in den sozialen Medien schnell die Runde und wurde vielerorts als offizielles Versprechen des Head Coaches interpretiert. Die eigentliche Frage bleibt aber bestehen: Passt diese Ankündigung zu LaFleurs bisherigem Playcalling – oder handelt es sich um eine Momentaufnahme ohne echte Substanz?
Ein Muster, das sich seit Jahren zieht
Die Zahlen sprechen zunächst gegen einen radikalen Kurswechsel. Seit Beginn der Saison 2023 hat LaFleur in 43,8 Prozent seiner Spielzüge einen Designed Run angesetzt – nur die Baltimore Ravens (45,7 Prozent) und die Philadelphia Eagles (44,8 Prozent) waren in diesem Zeitraum noch laufhungriger. Zum Vergleich: In seinen vier Jahren mit Aaron Rodgers als Starting Quarterback landeten die Packers nur einmal unter den Top 15 bei der Run-Quote – 2020, mit Platz neun.
Auch in der vergangenen Saison bestätigte sich der Trend: Mit 44,2 Prozent Design-Run-Anteil belegten die Packers ligaweit Rang vier, angetrieben von einem gesunden Josh Jacobs, der praktisch die gesamte Saison über spielte. Genau dieser Faktor könnte 2026 wegfallen. Jacobs wurde am Sonntag auf die Commissioner Exempt List gesetzt, nachdem in der Vorwoche zwei Vergehen gegen ihn angeklagt wurden. Sollte der Running Back länger ausfallen, könnten die Packers schlicht keine andere Wahl haben, als stärker auf das Passspiel zu setzen.
Vertrauen wächst nicht über Nacht
Wie viel Freiheit ein Quarterback am Line of Scrimmage bekommt, hängt maßgeblich vom Vertrauensverhältnis zum Coach ab – und das entwickelt sich selten schnell. Aaron Rodgers erinnerte sich kürzlich daran, wie lange es unter Mike McCarthy gedauert habe, bis er wirklich freie Hand bekam. Erst im dritten Jahr als Starter, so Rodgers, habe McCarthy ihm zugetraut, dass ein Play-Change am Line of Scrimmage keine reine Gefälligkeitsübung war, sondern auf echter Überzeugung beruhte. Bis dahin habe es durchaus hitzige Montagvormittage gegeben, an denen McCarthy eine Liste von zehn geänderten Spielzügen aus dem Vorwochenspiel durchgegangen sei und für jeden Einzelnen eine Erklärung verlangt habe.
Mit LaFleur ging es schneller, allerdings unter anderen Vorzeichen: Rodgers brachte bereits zwei MVP-Titel, einen Super-Bowl-Ring und 14 Jahre Starter-Erfahrung mit, als der damals neue Head Coach 2019 in Green Bay antrat. Dennoch war die Frage, wie viel Audible-Freiheit LaFleur seinem Quarterback zugestehen würde, monatelang das beherrschende Thema. Rodgers selbst nennt die Offseason 2020, als pandemiebedingt alle Meetings virtuell stattfanden, als entscheidenden Wendepunkt für die Beziehung zu seinem Coach.
Rodgers ist überzeugt, dass Love diesen Punkt inzwischen erreicht hat. Der Quarterback stehe nun in seinem vierten Jahr als Starter, habe drei Playoff-Teilnahmen in Folge vorzuweisen und verfüge damit über genügend Erfolgsnachweise, um sein Wort im Spiel durchzusetzen.
Jordan Love schon jetzt kein Bedenken-Quarterback
Die Prämisse, LaFleur habe Love bislang gezielt kleingehalten, lässt sich statistisch kaum halten. Trotz des laufsstarken Playcallings ist Love keineswegs auf kurze, sichere Pässe reduziert worden – im Gegenteil. Seit 2023 weist er mit 8,3 Air Yards pro Passversuch den drittbesten Wert der Liga auf, nur knapp hinter Lamar Jackson und Trevor Lawrence (beide 8,4). Zudem führte Love seit seinem Amtsantritt als Starter acht Fourth-Quarter-Comebacks an – ligaweit Bestwert in diesem Zeitraum, wie ESPN Research ermittelte.
Auch beim QBR steht Love mit einem Wert von 67,1 blendend da: Unter allen Quarterbacks mit mindestens 40 Starts in den vergangenen drei Jahren liegen nur Josh Allen (70,3) und Lamar Jackson (68,5) davor – beide amtierende MVPs in diesem Zeitraum.
Ex-Quarterback und MVP von 2002, Rich Gannon, sieht bei Love keine echte Schwachstelle mehr auf dem Feld. Es gebe pro Spiel allenfalls drei oder vier Situationen, in denen etwas schiefgehe – nicht acht oder neun. Genau diese Restinkonsistenz gelte es nun zu eliminieren. LaFleur selbst hat seinen Quarterback in der Offseason gezielt an einem Fundament arbeiten lassen: dem Footwork. Nach Jahren mit Genauigkeitsproblemen erzielte Love in der vergangenen Saison mit 66,3 Prozent seine höchste Completion-Quote aller Zeiten, College eingeschlossen. LaFleur ist überzeugt, dass hier noch Luft nach oben besteht, sofern Love seine Balance in der Pocket weiter verbessert.
Der nächste Schritt: Ownership statt nur Leadership
Nachdem Love bereits nach seiner zweiten Starter-Saison auf Wunsch von LaFleur und General Manager Brian Gutekunst zu einem lauteren Anführer wurde und in der Folge zum Captain gewählt wurde, sehen Beobachter wie Gannon jetzt den nächsten logischen Schritt: die volle Verantwortung für die Offense. Love müsse zum „CEO“ der Offense werden, so Gannon nach seinem Besuch im Trainingslager – mit Ownership und Accountability für jeden einzelnen Spielzug.
Ein Fingerzeig, wie das aussehen könnte, gab es bereits im Preseason-Finale gegen die Arizona Cardinals. Dort durfte Love erstmals in seiner Karriere selbst die Plays für die zweite Reihe callen und dirigierte Backup Kyle McCord per Headset durch die zweite Hälfte. LaFleur zeigte sich beeindruckt von Loves Ruhe und Klarheit in dieser Rolle – Eigenschaften, die er auch auf dem Feld immer wieder beobachte.
Dass mehr Verantwortung bei Love tatsächlich Wirkung zeigt, belegt ein Blick in die Vergangenheit: In den letzten acht Spielen seiner ersten Starter-Saison, als die Packers von 3-6 auf 6-2 drehten, komplettierte Love über 70 Prozent seiner Pässe bei 18 Touchdowns und nur einer Interception – und das bei einer für LaFleur-Verhältnisse bereits reduzierten Run-Quote von 40,6 Prozent.
Meinung von der Couch
Ich glaube, dass 2026 tatsächlich das Jahr wird, in dem sich das Playcalling in Green Bay verschiebt – aber nicht in erster Linie, weil LaFleur einen Sinneswandel hatte, sondern weil ihm mit dem Ausfall von Josh Jacobs schlicht die Grundlage für sein bisheriges Laufkonzept fehlt. Die Statistiken zeigen ohnehin, dass Love längst kein limitierter Passer ist, dem man wenig zutraut. Entscheidend wird sein, ob LaFleur seinem Quarterback auch in engen Spielen die Zügel überlässt, wenn der Spielstand unter Druck gerät – genau dort hat sich in der Vergangenheit oft wieder die konservative Ader des Coaches durchgesetzt.