
Der NFLPA-Reise-Report liefert einmal mehr Zündstoff – diesmal zum Thema Reisekomfort. Während in Melbourne gerade erst ein neues Kapitel der internationalen Reiseplanung geschrieben wurde – 👉 wir haben die gegensätzlichen Strategien von Rams und 49ers für das Australien-Spiel bereits ausführlich beleuchtet – zeigt ein aktueller ESPN-Bericht jetzt das große Bild: Wie reisen alle 32 Teams eigentlich im Vergleich, und wer sorgt für echten Spieler-Komfort, wer nicht?
Grundlage ist der jährliche NFLPA Report Card, eine anonyme Umfrage unter den Spielern zu allem, von Trainingsanlagen bis zur Behandlung der Familien. Für die aktuelle Auflage – bereits die vierte in Folge – wurden 1.759 Spieler befragt, das entspricht rund 80 Prozent der Liga. Der Befragungszeitraum lief von November bis Dezember 2025. ESPN sprach zusätzlich mit mehr als einem Dutzend Spielern, Trainern und Front-Office-Mitarbeitern, um die nackten Schulnoten mit echten Geschichten zu unterfüttern.
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Die Spitzengruppe: Dolphins, Saints, Seahawks und Broncos
Ganz oben in der Kategorie Team Travel landen die Miami Dolphins mit einem glatten A – die beste Note der gesamten Liga. Dicht dahinter folgen die New Orleans Saints, die Seattle Seahawks und die Denver Broncos, alle drei mit einem A-minus. Interessant ist, was diese vier Teams laut ESPN gemeinsam haben: ausreichend persönlichen Platz und Beinfreiheit an Bord – inklusive der Möglichkeit, den Sitz vollständig in eine Liegeposition zu bringen –, der Zustand der Maschine selbst, die gebotenen Annehmlichkeiten sowie ausreichend Vorlaufzeit bei der Kommunikation des Reiseplans.
Bei den Saints brachte es Linebacker Kaden Elliss, der nach drei Jahren bei den Atlanta Falcons zurück nach New Orleans wechselte, treffend auf den Punkt: Er brauche nicht überall Luxus pur, aber es fühle sich gut an, wenn man merke, dass die Organisation sich um einen kümmere. Besonders lobte er dabei Team-Besitzerin Gayle Benson, die seiner Einschätzung nach in allen Bereichen – Reisen eingeschlossen – konsequent auf höchste Qualität setze.
Die Seahawks als Vorzeigebeispiel bei Langstrecken
Besonders bemerkenswert ist die Position der Seahawks. Als einziges Team im Pazifischen Nordwesten liegt selbst der nächstgelegene NFL-Standort – die Levi’s Stadium der 49ers – gut 700 Flugmeilen entfernt. Auswärtsspiele im eigenen NFC West bedeuten für Seattle also automatisch Flüge von mindestens zweieinhalb Stunden, was das Team regelmäßig zu einem der meistgereisten der Liga macht.
Die Organisation reagiert entsprechend: Die Seahawks chartern eine Boeing 747-481 mit Lie-Flat-Seats für den kompletten 53-Mann-Kader – jeder Spieler bekommt also ein echtes Bett an Bord. Bei Reisen in die Central- oder Eastern Time Zone reist das Team zudem in der Regel bereits zwei Tage früher an, um die innere Uhr der Spieler vor dem Kickoff anzupassen. Dass sich diese – durchaus kostspielige – Dreitage-Strategie auszahlt, zeigt sich direkt in den Zahlen: Trotz der traditionell längsten Anreisewege der Liga erhielten die Seahawks von ihren eigenen Spielern eines der besten Zeugnisse überhaupt.
Die Schlusslichter: Steelers, Eagles und Patriots mit der Note F
Am anderen Ende der Skala wird es deutlich unbequemer. Gleich drei Teams kassierten in der Kategorie Team Travel die Note F: die Pittsburgh Steelers, die Philadelphia Eagles und die New England Patriots. Besonders die Steelers liefern dazu eine konkrete Geschichte: Für ihr Week-4-Spiel in Dublin im September 2025 flogen sie im Rahmen einer Partnerschaft mit Aer Lingus – und laut einem anonymen Spieler fühlte sich das eher wie ein Billigflieger an, vergleichbar mit der inzwischen eingestellten US-Airline Spirit. Nur eine Handvoll Spieler habe demnach überhaupt einen Business-Class-Sitz erhalten, verteilt nach Dienstalter im Team. Pittsburgh entschied sich zudem für einen Nachtflug am Donnerstag mit Ankunft am Freitagmorgen vor dem Sonntagsspiel – deutlich knapper kalkuliert als etwa bei anderen internationalen Reisen.
Die schlechten Reisebedingungen reihen sich bei den Steelers dabei in ein größeres Bild ein: Die Franchise erhielt im Gesamtranking des Report Cards mit F-minus die schlechteste Note der gesamten Liga – Spieler kritisierten unter anderem, dass die Kabine nur fünf Toiletten für den kompletten Kader biete.
Der Australien-Fall zeigt: Es gibt keine einheitlichen Regeln
Genau hier schließt sich der Kreis zu unserem Australien-Artikel: Es existieren im aktuellen Collective Bargaining Agreement schlicht keine verbindlichen Vorgaben zum Thema Reisen bei internationalen Spielen. Teams können selbst entscheiden, wann und wie sie anreisen – mit teils gegensätzlichen Ergebnissen.
Bei den letzten beiden internationalen Auftritten der Rams reiste das Team jeweils erst einen Tag vor dem Spiel an: Letzte Saison ging das gegen die Jacksonville Jaguars in London mit einem klaren Auswärtssieg auf, diese Saison gegen die 49ers in Melbourne hingegen nicht. Für das Duell selbst hatte die NFL zusammen mit den Teams sogar einen Qantas Airbus A380 gechartert – mit 84 Lie-Flat-Sitzen, vier Piloten und 22 Crewmitgliedern an Bord, damit tatsächlich jeder Spieler ein eigenes Bett hatte. Ein deutlicher Kontrast zur Steelers-Erfahrung in Dublin.
Ein Streit im Hintergrund: Die Liga gegen die eigenen Zahlen
Bemerkenswert ist außerdem der politische Unterbau dieser Geschichte: Die NFL reichte gegen die NFLPA offiziell Beschwerde ein, da die Veröffentlichung der Report Cards angeblich gegen die im CBA vereinbarte Zurückhaltung bei öffentlicher Kritik an Klubs verstoße. Ein Schiedsrichter gab der Liga in diesem Streit recht, weshalb die Gewerkschaft die Ergebnisse in diesem Jahr nicht mehr offiziell öffentlich gemacht hat. Trotzdem sickerten die Daten – wie schon in den Vorjahren – letztlich doch an die Medien durch, und die NFLPA betonte, die Erhebung intern ohnehin fortzuführen.
Meinung von der Couch zum NFLPA-Reise-Report
Für mich zeigt dieser Report Card einmal mehr, wie unterschiedlich NFL-Teams mit denselben Rahmenbedingungen umgehen können. Die Seahawks beweisen, dass man auch bei den längsten Anreisewegen der Liga für echten Komfort sorgen kann – man muss es nur wollen und entsprechend investieren. Bei den Steelers wiederum passt die Kritik an den Reisebedingungen erschreckend gut ins Gesamtbild einer Organisation, die aktuell in praktisch jeder Kategorie hinterherhinkt. Und mit Blick auf Australien wird deutlich: Solange es keine ligaweiten Mindeststandards gibt, bleibt die Reiseplanung bei internationalen Spielen ein echter Wettbewerbsfaktor – manchmal sogar einer, der über Sieg und Niederlage mitentscheidet.
Quellen: Recherche von ESPN NFL Nation, veröffentlicht bei ESPN; ergänzende Daten von TSN, ABC7 San Francisco, Yahoo Sports und CBS Sports.